ZUR MUSEALEN REZEPTIONSGESCHICHTE DES WERKES DER
PAULA MODERSOHN-BECKER
DIPLOMARBEIT IM FACH MUSEUMSKUNDE
an der
FACHHOCHSCHULE FÜR TECHNIK UND WIRTSCHAFT BERLIN
vorgelegt von
ANNA DAMRAU
Berlin, im Juni 1998
Gliederung:
I Vorwort
II. Einleitung
III. Ein Porträt von Paula Modersohn-Becker
1. Lebensbeschreibung
2. Kunstbeschreibung
IV. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker kommen ins Museum
1. Wandel liegt in der Luft - die wilhelminische Zeit
2. Die ersten öffentlichen Präsentationen ihrer Werke
3. Die Weimarer Republik
4. Zusammenfassung
V. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker werden verboten
1. Die Zeit des Nationalsozialismus
2. Ausstellungen in Hannover und Basel
3. Zusammenfassung - Auswertung
VI. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker werden wiederentdeckt
1. Die Stimmung der Nachkriegszeit
2. Gedächtnisausstellung 1947
3. Gedächtnisausstellung 1957
4. Zusammenfassung - Auswertung
VII. Das Werk von Paula Modersohn-Becker erhält einen Platz in
der Kunstgeschichte
1. Zeitstimmung
2. Gedächtnisausstellung zum 100. Geburtstag der Künstlerin
3. Zusammenfassung - Auswertung
VIII. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker bleiben im Museum –
das Ende des 20. Jahrhunderts
1. Zeitstimmung
2.Ausstellung 1997 im Paula Becker- Modersohn Haus
3.Zusammenfassung - Auswertung
IX. Resümee
X. Anhang
XI. Quellen
I. Vorwort
Die Möglichkeit, kulturelles Handeln in einem räumlichen Informationsfeld sichtbar zu machen, ist im Bereich von Museen und Ausstellungen angesiedelt.
Die hier gesammelten und ausgewerteten Beiträge zu Ausstellungen des Werkes von Paula Modersohn-Becker, versuchen einen Prozeß durch eine Fragestellung zu verfolgen.
Sie lautet: In welchen Zusammenhängen kamen bestimmte Ausstellungen über die Kunst von Paula Modersohn-Becker zur Wirkung, wodurch bildeten diese Zusammenhänge die Schwerpunkte der jeweiligen Ausstellung oder prägten die Ausstellungen die Zusammenhänge?
Dabei kann es nicht darum gehen, jede Ausstellung zu reflektieren, sondern anhand von Beispielen die schwerpunktmäßigen Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.
Die Lektüre von Werken des Dichters Rilke führte mich zu seiner Biographie und den Personen, mit denen er im Laufe seines Lebens ins Gespräch kam. Paula Modersohn-Becker war eine von ihnen. Ihr Leben und ihre Arbeiten haben mich schon lange angesprochen. Dem Werdegang der öffentlichen Präsentation nachzugehen war für mich naheliegend.
Für die Unterstützung bei meiner Arbeit möchte ich mich bedanken bei meinen beiden Betreuern Prof. Dr. Wolf Rudolph und Dr. Thomas Kornbichler, dem Maler Hartmut Reiher und meiner Schwester Brigitte Weigel. Außerdem danke ich für das Entgegenkommen und die Unterstützung der Paula Modersohn - Becker - Stiftung in Bremen und dem Archiv des Vereins der Berliner Künstlerinnen e.V. Berlinische Galerie Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur.
II. Einleitung
In einer musealen Rezeption werden Verbindungen zu den Gemälden, zur Person sowie zur Wahrnehmung der Atmosphäre in den Ausstellungsräumen und zum aktuellen Wissensstand des Themas zusammenfassend wiedergegeben.
In der folgenden Arbeit wird ein Teil der musealen Rezeptionsgeschichte des Werkes der Paula Modersohn-Becker bearbeitet. Es sind Ausstellungen des Werkes der Künstlerin in unterschiedlichen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts.
Es gab bis heute an die 77 Ausstellungen, in denen Arbeiten von Paula Modersohn-Becker zu sehen waren.
Unter diesen wurde die Auswahl der beschriebenen Ausstellungen nach folgenden Merkmalen getroffen:
die Anfänge der musealen Präsentation
Zeitumbrüche
Gesamtwerk betreffend
Ausstellungen in Bremen
Die meiste Zeit ihres Lebens hat Paula Modersohn-Becker in Norddeutschland verbracht und der Hauptnachlaß befindet sich heute in den drei großen Kunstsammlungen in Bremen. Es sind die Sammlungen in der Kunsthalle Bremen, die Sammlung der Paula Modersohn - Becker - Stiftung und die Kunstsammlung der Böttcherstraße.
Da Fotos zu den Sonderausstellungen kaum vorhanden sind, ist eine Aussage über Hängung der Bilder und deren Beschriftung oder etwaige Texte bis jetzt leider nicht möglich.
III. Ein Porträt von Paula Modersohn-Becker
1. Lebensbeschreibung
Eine junge Frau um 1900, gerade über zwanzig Jahre und mitten in Paris. Froh und voller Schwung auf den Wegen
zu den Museen
zu den Kunsthandlungen
zu den Zeichen - und Malseminaren
zu den Freunden, Bekannten und Künstlern.
Auf - dem - Weg - sein war für Paula Modersohn-Becker bedeutsam. Sie hat ihre Kunst auf den Weg gebracht und ist mit ihr immer auf dem Weg geblieben. Später wirkte ihre Kunst über die Wege vieler Einzel - und Kollektivausstellungen in allen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts weiter.
Paula Modersohn-Becker hat auf ihren Wegen Verbindungen und Beziehungen geschaffen zwischen ihren Teilzielen. Was passierte auf den Wegen? Eine Verarbeitung von all den Eindrücken des gerade Gesehenen, Erlebten und Erarbeiteten?
Ein wichtiger Arbeitsraum war ihr Atelier, welches in Paris gleichzeitig ihren Wohnraum darstellte. War diese räumliche Einheit Spiegelbild ihres Daseins in Paris? Dort trennte sie keine Lebensbereiche. In ihrem Arbeits - und Wohnraum setzte sie ihre Ideen und Empfindungen handwerklich durch ihre Malerei um.
Und doch waren ihre Gedanken oft in ihrer Heimat, in Worpswede, ein durch die Künstlerkolonie bekanntgewordenes Dorf nahe Bremen. Paula Becker zog es zu den dort zusammenlebenden und arbeitenden Künstlern, um es ihnen gleich zu tun. Ihre wichtigen Freundschaften sind dort entstanden. Es waren keine Einheimischen sondern diejenigen, die zeitweilig oder ständig ihre Wahlheimat in Worpswede fanden. Da waren Clara Westhoff, Fritz Mackenen, Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke, Carl Hauptmann, Bernhardt Hoetger und Otto Modersohn.
Mit Otto Modersohn verband sie mehr als Freundschaft und so heirateten sie.
Otto Modersohn studierte in Düsseldorf, München und Karlsruhe an den Kunstakademien. Er gehörte um 1900 zu den wichtigsten Landschaftsmalern in Deutschland. Dabei steht er in der Tradition der Maler von Barbizon. Otto Modersohn gelangt es immer wieder Bilder zu verkaufen und sicherte somit die finanzielle Situation der Familie. Aus erster Ehe brachte Otto Modersohn die Tochter Elsbeth mit. Alle drei lebten zusammmen in Worpswede.
Dort suchte Paula Modersohn-Becker ihre Motive zum großen Teil im Landleben. Es sind zunächst Landschaftsbilder entstandenen, die ihr verinnerlichtes Gefühl, ein Teil der Natur zu sein, wiedergeben. Viele Frauen - und Kinderbildnisse, bei denen die Landbevölkerung aus dem Armenhaus oft Modell stand kamen nach und nach dazu.
Die Dorfbewohner sahen skeptisch auf die in ganz eigener, ihnen fremder Weise aktiv werdenden Künstler.
Stadt und Land waren für Paula Modersohn-Becker Lebenswege.
Paula Modersohn-Becker nutzte Worpswede auch als Begegnungsort. Regelmäßige Treffen zwischen den Künstlern wurden verabredet, so daß eine Geselligkeit aufkam. Aber zur Arbeit zog sich Paula Modersohn-Becker in Worpswede in ihr Atelier zurück. Für ihre Arbeit interessierte sich von außen niemand und sie selbst konnte sich mit ihrer Arbeit nicht darstellen. Ausnahmen bildeten zeitweise Rainer Maria Rilke und selbstverständlich Otto Modersohn, sowie anfänglich ihr Lehrer Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler und später Bernhardt Hoetger.
Anders als in Paris trennte sie in Worpswede ihre Arbeit vom Familienleben. Nach gewissen Zeitabständen aber wurde ihr Worpswede zu eng und es drängte sie immer wieder nach draußen. So fuhr sie viermal für mehrere Monate nach Paris.
Paula Modersohn-Becker lebte in ständigem Wechsel zwischen Frohsein und Melancholie, Stadt und Land, Geselligkeit und Einsamkeit, Familie und Arbeit.
Sie wurde in Dresden als drittes von sieben Kindern geboren. Ihre Eltern führten ein reges gesellschaftliches Leben, an dem die Kinder auch teilnahmen.
Die Mutter war ein sehr heiterer und optimistischer Mensch. Sie stammte aus der thüringisch - sächsischen Adelsfamilie der Bültzingslöwen.
Der Vater ergriff einen modernen Beruf, den des Ingenieurs. Damit konnte er Beamter in der Bauabteilung der Eisenbahn werden. Er machte es sich und anderen aber durch sein sehr ernstes Wesen oft unnötig schwer.
Im Alter von zwölf Jahren siedelt Paula Becker mit ihren Eltern und Geschwistern nach Bremen über.
Schon durch ihr Elternhaus, das trotz mehrerer Kinder und längerer Arbeitslosigkeit des Vaters wohl zu den wohlhabenderen und weltoffenen der Gesellschaft zählte, hatte sie viele Möglichkeiten der Orientierung.
Sie las Goethe, Nietzsche, Briefe Bismarcks, Tagebücher der Marie Bashkirtseff und vieles mehr.
Zum Christentum zeigte sie mit zunehmenden Alter eine immer distanziertere Einstellung. Sie war offen für alle neuen philosophischen Gedanken.
Schon frühzeitig spürte sie ihren Hang zur Malerei. Paula Modersohn-Beckers Ausbildung begann 1892 in London. Dort hielt sie sich bei der Schwester des Vaters für ein knappes halbes Jahr auf. Während dieses Aufenthaltes nutzte sie die Gelegenheit einen Zeichenkurs an einer privaten Schule zu besuchen. In der Zeit von 1896 bis 1898 besuchte sie dann die Zeichen - und Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen und hatte u.a. Jeanne Bauck Unterricht.
Jeanna Maria Charlotta Bauck war als Malerin in Berlin und München tätig.
In Worpswede erhielt Paula Becker anfangs von Fritz Mackensen Unterricht. Während ihrer Parisaufenthalte nutzte sie die Anatomiekurse an der Acade´mie Colarossi und Ecole des Beaux – Arts und die Kurse an der Academie Julian. Die Malerei wurde zu ihrem Lebensinhalt.
Sie hat sich wohl auch immer ganz als partnerschaftliche Frau gefühlt. Frauenrechtliche Fragen sowie sozialkritische Aspekte spielten im Leben und Werk von Paula Modersohn-Becker keine Rolle. Sie hat ihre Arbeit und ihr Leben scheinbar selbstverständlich verwirklicht, so daß diese Themen in den Hintergrund rückten.
Dennoch, in ihren Briefen und Tagebüchern kommt immer wieder das Thema des „Ringens" auf, ihr Zweifel an ihrer Arbeit, an ihrem Können.
Ihre Arbeiten wurden von der Frage nach dem eigenen Sein bestimmt und vermitteln eine Ahnung von den Geheimnissen und Spannungen ihres kurzen Lebens. Wenige Tage nach der Geburt der Tochter Mathilde ist Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren in Worpswede gestorben.
2. Kunstbeschreibung
Der Nachlaß von Paula Modersohn-Becker umfaßt etwa 750 Gemälde, 1000 Handzeichnungen und 13 Radierungen. Diese Arbeiten sind im Laufe von zehn Jahren entstanden, denn schon mit 31 Jahren starb sie in Worpswede.
In Kindlers Malerei Lexikon von 1976 ist zu lesen:
„ .... Sie lebte in der 1889 gegründete Künstlerkolonie (Worpswede), der seit 1900 eine Zeitlang auch Rainer Maria Rilke angehörte. Sie malte zunächst Motive aus der norddeutschen Landschaft mit Birken, Moor und Heide, Bäuerinnen und Kindern im Stile der Worpsweder Schule. Aber diese Stimmungsmalerei befriedigte sie auf die Dauer nicht. 1900 reiste sie nach Paris, wo sie Bilder von Millet und den bretonischen Bauernmalern Cottet und Simon kennenlernte. Stärker aber wirkten die Gemälde Vincent van Goghs, den sie zu einem ihrer Vorbilder erkor. Sie suchte die <Einfachheit der großen Form>. Wichtiger als die Landschaftsmalerei erschien ihr die Darstellung des schlichten Menschen: <Menschen malen geht über die Landschaft>. ... Von Worpswede fuhr sie noch dreimal nach Paris. Von der Gauguin – Ausstellung im Salon d´Automne 1905 empfing sie entscheidende Eindrücke. ... Schon sehr früh erkannte sie auch die Größe Paul Cézannes. In Worpswede entstanden nun Stilleben mit Früchten und Blumen, Brot und Krügen. Erdhaft, körnig, dicht und fest in der Malweise, begann eine neue Phase. Die Armenhäuslerin mit Glasflasche (Abb.10 ) von 1906 zeigt, daß sich Paula Modersohn-Becker auf dem Wege zur kargen, strengen, fast monumentalen Form befand. Der Impressionismus ist hier überwunden. Diese Art der Menschendarstellung war nach der Jahrhundertwende etwas Neues; doch entscheidender ist die Stärke der Empfindung, die Kraft der Einfühlung in das Wesen der alten Frau. Ungewöhnlich in jener Zeit sind auch die Selbstbildnisse: Kühn in der Auffassung und vereinfacht in der kontinuierlichen Form, stellen sie keine Porträts im Sinne der Repräsentation dar, sondern ... ergreifende Bekenntnisse einer großen Künstlerin."
Als Beispiel, um diese Aussagen zu veranschaulichen eignet sich das Bild Zwei Mädchen (Abb.1). Es wurde im Jahre1906 auf Pappe im Format 58,5 x 40 cm angefertigt.
Das Gemälde zeigt zwei Mädchen, die als Halbfiguren gemalt worden sind. Beide umarmen sich so innig, daß eine ganz große Nähe und Verbundenheit zwischen den beiden zu spüren ist. Das Mädchen im Vordergrund ist im Profil zu erkennen, sie blickt gerade aus und gleichzeitig in sich hinein. Die Figur erhält dadurch einen sicheren und starken Charakter. Das wird zusätzlich durch die aufrechte Haltung betont. Ihr linker Arm umfaßt die Schulter der Freundin oder Schwester.
Das vordere Mädchen trägt ein weißes, schlicht geschnittenes Kleid. Es könnte auch ein Hemd sein. Der Kopf besitzt eine einfache Form mit natürlich fallenden Haaren. Nur der Pony ist mit einer kleinen Schleife nach oben gebunden. Die freie Stirn strahlt etwas Erwachsenes aus.
Das Mädchen im Hintergrund begegnet der Betrachterin in einer anderen Wesensart. Es trägt ein blaues Kleid mit hellen Tupfen, die der Figur einen kleineren und lebendigeren Ausdruck verleihen. Die Figur steht hinter bzw. neben der vorderen Figur, ein wenig versteckt, der Kopf ist dabei sichtbar gedreht und zwei große, dunkle, neugierige und auch ein wenig ängstliche Augen blicken den Betrachter direkt an. Dieses Mädchen lehnt sich zärtlich an die größere Gestalt an. Auch sie hat eine Hand um die Schulter ihrer zeitweiligen Weggefährtin gelegt. Schutz geben und Schutz suchen, beides sind Gesten, die Zusammengehörigkeitsgefühl und Hilfsbereitschaft symbolisieren.
Sie sind so nah beieinander, scheinen zu verschmelzen, und weisen in ihren gegensätzlichen Charakteren doch eine große Eigenständigkeit auf.
Das Bild ist farblich, gestalterisch und inhaltlich von Gegensätzen durchzogen. Das stark wirkende, größere Mädchen steht in sich ruhend für die oder das Ferne und wird dabei von dem Blick und Ausdruck des kleineren Mädchens festgehalten.
Brauntöne, mattes Weiß und Blau sind die Hauptfarben. Der Hintergrund ist grau gestaltet. Ein paar rote Akzente frischen das Gemälde belebend auf. Kombiniert mit den flachen und vereinfachten Formen bringen sie den wesentlichen Ausdruck des Bildes, die Spannung zwischen Nähe und Distanz, auf den Punkt.
IV. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker kommen ins Museum
1. Wandel liegt in der Luft - das wilhelminischen Zeitalter
Mit dem Jahr 1890 begann für das deutsche Reich eine neue Epoche - das wilhelminische Zeitalter. Bismarck wurde entlassen. Sein Nachfolger Leo von Caprivi wurde von Kaiser Wilhelm II. berufen. In Deutschland ging außerdem ein Wandel vom Agrarstaat zum Industriestaat weiter vor sich. Trotzdem blieben Landwirtschaft und Landbevölkerung noch auf Jahrzehnte starke Faktoren.
Das wilhelminische Zeitalter war die Zeit des Nationalstaates und der konstitutionellen Monarchie. Der Lebensstil des Kaisers war geprägt von romantischen, spätabsolutistischen Auffassungen, die sich in seinem Auftreten, seinen Gebaren und seinem Äußeren zeigten. Dieser Lebensstil wurde von der bürgerlichen Gesellschaft in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende aufgenommen .
Die Gesellschaft in der Zeit um 1900 wurde von krassen Gegensätzen geprägt. Die Jahre vor 1914, dem Beginn des
I. Weltkrieges, waren für die Reichen und Gutsituierten eine Zeit der Muße und des Überangebots.
Die andere Seite waren die Armenghettos, d.h. es lebte wohl ein Drittel der Bevölkerung an oder unterhalb der Armutsgrenze. Aber die Industrialisierung hatte auch eine selbstbewußte Arbeiterklasse hervorgebracht, die dazu entschlossen war, eine gerechtere Verteilung zu erzwingen.
Eine Veränderung zog die Nächste nach sich.
1901 fand die erste Ausstellung mit Werken des Malers Pablo Picasso statt. Igor Strawinsky erregte mit seinem neuen Ballett Le sacre du printemps im Pariser Theátre des Champs Elysees Begeisterungs - und Entrüstungsbekundungen. Die Kunstmetropole war Paris.
1903 wurde das Deutsche Museum in München gegründet.
1905 veröffentlichte Albert Einstein die berühmte Relativitätstheorie und in Wien begründete Sigmund Freud die Psychoanalyse. Das Selbstverständnis der Frau und die Stellung des Kindes in der Gesellschaft begannen eine bis dahin nicht gekannte Richtung einzuschlagen.
2. Die ersten öffentlichen Präsentationen
Bevor Paula Modersohn-Becker selbst zu den Künstlern gehörte, die im Museum ausstellten, erhielt sie durch eigene Museumsbesuche Anregungen für ihre Arbeiten. Die Kunsthalle Bremen gehörte zu den ersten Museen, die sie besuchte. In einem Brief an den Bruder Kurt ist zur Ausstellung 1895 in der Kunsthalle Bremen Folgendes zu lesen:
„ Hast Du, wie du hier warst, von den Worpsweder Malern gehört? Natürlich ! Die haben jetzt ausgestellt und wirklich einige ganz famose Sachen, Du hörtest gewiß auch von der Heidepredigt, die der eine von ihnen, Mackensen, in einem eigens dafür gebauten Glaswagen malte. Dies ist ein riesig interessantes Bild. Die Gemeinde sitzt im Freien vor ihrem Priester. Aber wie lebenswahr der Künstler die einzelnen lebensgroßen Gestalten getroffen hat. Die leben alle. Natürlich alles riesig realistisch, aber ganz famos. Das einzige, was ich nicht ganz verstehen kann, ist die Perspektive. Ich möchte da riesig gern mal mit jemandem Kunstverständigen darüber sprechen.(...) Sonst interessierte mich noch riesig ein Modersohn. Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig und die Farben so eigenartig. Auch ein junger Bremer, Vogeler, Du wirst ihn wohl kennen, er war auf dem Basar einer von den hübschen Italienern, der hat aber ganz verrückte Sachen gemacht. Der malt die ganze Natur nach der vorraphaelitischen Zeit ganz stilisiert. In unserem modernen Jahrhundert kann man aber über solche Späße nur noch den Kopf schütteln. 27. April 1895"
Die Arbeiten der Worpsweder Künstler wurden in Zeitungskritiken beschimpft. Aber einige Monate später kam im Münchener Glaspalast für die Künstler aus Worpswede der Durchbruch.
Im Sommer 1897 weilte Paula mit einer Studienfreundin aus Berlin das erste mal für drei bis vier Monate in Worpswede, um dort zu malen. Im folgenden Jahr reiste Paula Becker in Begleitung ihres Bruders Kurt zum weiteren Studieren nach Worpswede.
Schon ein Jahr später, im Dezember 1899 kam es in der Kunsthalle Bremen zu einer Ausstellung, in der Arbeiten von Paula Becker und ihrer Freundin Marie Bock gezeigt wurden. Der damalige Direktor der Kunsthalle, Gustav Pauli, hatte den beiden Künstlerinnen sogar ein eigenes Kabinett für ihre Arbeiten zur Verfügung gestellt.
In dieser Präsentation waren einige Studien und zwei Gemälde von Paula Modersohn-Becker zu sehen. Um welche Arbeiten es sich konkret gehandelt hat, ist bisher nicht bekannt. Liselotte v. Reinken hält in ihrem Buch „Paula Modersohn-Becker" auf Seite 43 fest, daß es „zwei Landschaftsstudien (Abend und Weiher)" waren. Abbildungen dazu sind in dem Buch nicht enthalten, so daß nur Vermutungen angestellt werden können.
Eine einheitliche Bezeichnung der Arbeiten wird erst durch die Monographie von Gustav Pauli aus dem Jahre 1919 eingeführt .
Die Kunstkritik reagiert prompt.
Weser - Zeitung 20. Dezember 1899 Arthur Fitger
(Maler, Schriftsteller und Kunstkritiker)
„Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifizierten Leistungen wie den sogenannten Studien von Marie Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden , ja, daß man ihnen ein ganzes Kabinett eingeräumt hat, aus dem zuvor die gewöhnlich dort befindlichen Schätze unserer ständigen Sammlungen entfernt worden sind. Daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wortschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen. Hätte eine solche Leistungsfähigkeit auf musikalischem oder mimischen Gebiete die Frechheit gehabt, sich in den Concertsaal oder auf die Bühne zu wagen, so würde alsbald ein Sturm von Zischen und Pfeifen dem groben Unfug ein Ende gemacht haben; in der Kunsthalle wird nicht gezischt und nicht gepfiffen, um so mehr ist es die Pflicht der Kritik, deutlich zu sprechen."
„...Unsere Entrüstung ... allen diesen Arbeiten gegenüber, so lange sie nicht etwa mit dem bescheidenen Erröten einer primitiven Anfängerin aus dem Versteck einer Studienmappe hervorgeholt und einem Lehrer oder Berater gezeigt werden, sondern in anspruchsvoller Breite als Ausstellungsgegenstände zwei Cabinets bedecken, können wir unsere schärfste Abweisung nicht ersparen." - (Aber es kommt noch dicker ) „Wenn man das Unglück gehabt hat, von irgendeinem rohen Patron eine Ekelgeschichte mit anhören zu müssen, mag man lange Zeit weder an Essen noch an Trinken denken, so ist auch uns in diesem Augenblicke der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden ... "
Obwohl vier Tage später in einer Konkurrenzzeitung Carl Vinnen einen entschärfenden Artikel schreibt, ist dieser eher gegen Fitger gerichtet und weniger positiv auf die Kunst der beiden Malerinnen.
Carl Vinnen war Maler und gehörte zur „Kunstvereinigung Worpswede". Die Worpsweder Maler gaben sich 1897 eine Satzung und nannten sich von nun an „ Kunstvereinigung Worpswede".
Vinnen schrieb:
„...nach den vielen schrecklichen Kriegsberichten tut es wohl, unter Leitung eines Ästhetikers ... sich friedlich im Reiche der Kunst ergehen zu können, aber mit lebhaftem Bedauern fanden wir, daß Herr Fitger sein grobes Geschütz spielen ließ. ... Wem galt dieser olympische Donner, gegen wen richtete sich dieses Rüstzeug eines gewaltigen Zornes, welcher Feind der Kunst hatte es gewagt, unter den Augen des großen Kämpen des Alten sein frevles Haupt zu erheben? Ach es waren eigentlich nur zwei Worpsweder Schülerinnen, deren ganzes Verbrechen darin bestanden hatte, minderwerthige und unreife Schülerarbeiten auszustellen und denen – eine Verschärfung der Dinge – die Verwaltung der Kunsthalle chevaleresk eines der Seitengelasse zur Verfügung gestellt hatte. Die armen Worpsweder Damen."
In einem Brief an Paula Becker setzt er hinzu:
„Verzeihen Sie mir gütigst, wenn taktische Erwägungen es mir nicht gestatten, freundlicher über Ihre Bilder zu urtheilen; auch kann ich sie nicht viel anders, als ich schrieb, bewerten - Machen Sie sich nichts draus. Verfehltes ist das Fundament des gelungenen."
Beide Kritiken zeigen, daß die Kunst Paula Beckers anfangs völlig verkannt wurde bzw. öffentlich noch nicht anders bewertet werden konnten. Das ist kein Einzelfall, dennoch ist das Erstaunen immer wieder groß. Die Tatsache, daß hier eine Künstlerin im Gespräch war, also eine Frau, ist dabei nicht unwesentlich. Frauen konnten Kunstausbildungen und Abschlüsse „nur" an Privatschulen erlangen. An öffentlichen Akademien und Universitäten war den Frauen der Zugang bis 1919 nur unter enorm schwierigen Bedingungen und Benachteiligungen möglich. Das Ausweichen auf private Akademien stellte für die Kunststudentinnen eine enorme finanzielle Belastung dar.
Paula Modersohn-Becker unternahm noch zwei weitere Versuch, um ihre Kunst öffentlich bekannt und anerkannt zu machen, die aber scheiterten. 1902 entschied die Jury gegen die Teilnahme an einer Ausstellung und in der Ausstellung 1906 wurden ihre Arbeiten neben denen ihres Mannes nicht beachtet.
Im Jahr 1908 wurde die erste Gesamtausstellung nach ihrem Tode inszeniert. Sie war zuerst in Worpswede zu sehen und wanderte danach in die Kunsthalle Bremen. An dem Zustandekommen hatte Heinrich Vogeler einen großen Anteil.
Zur Ausstellung 1908 im Kunst - und Kunstgewerbehaus Worpswede, Franz Vogeler
15. Juli 1908 Bremer Nachrichten - Dr. Emil Waldmann
Kustos der Kunsthalle Bremen, ab 1914 Direktor
„Zu Lebzeiten dieser jung verstorbenen bremischen Malerin sah man nur wenig von ihrer Hand auf Kunstausstellungen. ... eine Entwicklung von einem knappen Jahrzehnt ist da vor einem ausgebreitet. Am Ende dieser Reihe stehen einige große Stilleben, die nicht nur im Hinblick auf das, was man bei günstigerem Geschick von dieser Begabung noch hätte erwarten können, von Interesse sind, sondern die auch abgesehen davon, wenn man sie ganz allein für sich hat, in einer Galerie oder in seinem Zimmer, die auch da eine Vollkommenheit und eine künstlerische Schönheit bedeuten. Nur muß man nicht, um diese Schönheit zu genießen, an Nachahmung der Natur denken, wie sie wohl Dilettanten beiderlei Geschlechts malen oder irgendwelche Pinselvirtuosen der <täuschenden Ähnlichkeit>. Diese Stilleben sind weit ab von der Natur. Da liegen auf einer gelben Decke vor gelbbraunem Stoff, Zitronen und Apfelsinen, bei einem braunen bauchigen Gefäß und einem gläsernen Leuchter; ...
Dann werden die Werke dieser trefflichen Künstlerin den hiesigen Kunstfreunden nicht mehr ganz fremd sein, wenn wir sie erst in großer Zahl hier sehen, und dann wird auch das gehirnlose Gerede von <Nachahmung der Franzosen>, das sich sogar bis in die Malerkolonie im Moor hinein lächerlich breit gemacht hat, sich hier in Bremen gar nicht erst erheben." (Abb.2)
Düsseldorfer Zeitung 5. Oktober 1908, Eberhard Buchner
(Hannover)„...Sie malte in Worpswede, aber sie hätte auch an jedem anderen Fleck der Welt malen können. Sie ist eine von denen, die einen glauben lassen, daß sie nirgends und doch überall zu Hause sind. Ihr Leben ist, soweit ich es weiß, einfach und klar verlaufen. ... Alle, die sie kannten, haben sie geliebt, aber etwas wie ein Rätsel, wie ein Geheimnis stand zwischen ihr und ihnen. Sie muß ein Mensch von intensiven und besondersartigen Fühlen gewesen sein, daß sie nur schwer oder gar nicht auf ein wirkliches, letztes Verstehen rechnen konnte. ...
Paula Modersohn-Bekkers Kunst zeigt durchaus den Charakter starker Männlichkeit, selbstbewußter, ja geradezu rücksichtsloser Kraft. Sie sieht klar und bestimmt im Ziel, und diesem Ziel opfert sie alles. ... Es ist interessant, dem Entwicklungsgang dieser Kunst nachzugehen. Es ist ganz deutlich, daß sie ursprünglich nichts anderes als die Wirklichkeitswiedergabe bringen wollte, also an sich durch aus im Naturalismus wurzelt. ... Ich möchte davon absehen, einzelne Bilder zu beschreiben, nur ganz flüchtig das Auge die Fülle der Stoffe überwandern lassen. Neben den Stilleben findet man viele Porträts ; rasch heruntergehauen, aber mit erstaunlicher Schärfe ist jenes Etwas, das der Persönlichkeit den entscheidenden Stempel aufdrückt, jenes Unnennbare herausgeholt. Viermal traf ich in der Ausstellung auf das Bild einer alten Frau; vier verschiedenen Stimmungen, deren jede mir unvergeßliche ist. ... Sehr zahlreich sind die Akte. Die besten stammen aus Paula Modersohn-Bekkers letzter Zeit und zeigen schon jene starke Hingebung zu dekorativen Wirkungen. ... Auch Landschaften sah ich, und wunderliche Figurenstücke; wie Traumgesichts muten sie an noch im Träumen selbst auf die Leinwand gebannt, Rätsel nun, zu denen wir den Schlüssel nicht recht finden können."
Der gleiche Artikel erschien auch am 20. September 1908 in der Königsberger Hartungsche Zeitung.
Zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen 1908
Weser Zeitung Dez. 1908 - Dr. Schaefer
(Direktor des Gewerbemuseums
)„....Einige der Bilder, z.B. die Äpfelstücke in gelbblau und weiß schlagen in der hellen Heiterkeit der Farbe manchmal einen fröhlichen Ton an, im übrigen ist eine fast melancholisch düstere Schwere ihrer Farbenerscheinung eigen. Anfangs ist das modellierende Streben nach Körperlichkeit und nach reicher Tonalstufung zu erkennen; die letzten Arbeiten erscheinen dagegen flüchtig in breiten Tönen, die fest und klar nebeneinander stehen. ..."
aus einem Leserbrief - Bremer Nachrichten 17. Dez. 1908
„...und wo sie so selten schon in der Kunst und das Gros der Menge noch weniger von ihr erfaßt wird, muß man sich da wundern, wenn ein Publikum den Bildern Paula Modersohns verständnislos und widerspruchsvoll gegenübersteht? Ich las am Sonntag den Artikel des Herrn Dr. Pauli.
Ich glaube aber nicht, daß man zweierlei Kunst anzunehmen hat, eine für Künstler und eine zweite für das Publikum. Ich glaube aber, daß man zweierlei Menschen annehmen muß, solche, die erleben und solche, an denen das Leben vorüberrauscht. Sie, die erleben, fühlen auch vor den Bildern Paula Modersohns das innere Erleben, die heilige Inbrunst ihres Arbeitens, es entströmt ihnen der Erdgeruch der unverkennbare, belebende Odem von Mutter Erde. Gewiß reichen Erleben und Ernst der Arbeit allein nicht aus, ein Kunstwerk zu schaffen, doch sind´s die Staffeln, die zur Vollendung tragen, und die wären das Feuer gewesen, in dem, hätte sie länger gelebt, ihr Werk sich zur Vollendung geklärt haben würde.
Neu wie eine schöne Verheißung, Die Erfüllung hat uns das Schicksal versagt, aber wer zu ihr tritt, der lege seine Schuhe ab: So will´s die Ehrfurcht." K.V.
Zur großen Wanderausstellung 1913
Die nächste große Einzelausstellung fand 1913 als Wanderausstellung statt. (siehe Anhang)
In dieser Ausstellung wurden 129 Gemälde, 47 Zeichnungen und 8 Radierungen präsentiert.
Der Cicerone V. Jg. 1913 Heft 16/ 20. August, Curt Stoermer
(Verlagsbesitzer - Horen - Verlag)
„ Im Heft 5 des Cicerone berichtete ich über eine Kollektion der bedeutendsten Werke Paula Modersohns, welche im Februar des Jahres aus ihrem Nachlasse, z.T. auch aus privaten Besitzständen zusammengestellt wurde und im Folkwang - Museum in Hagen zum ersten Male an die Öffentlichkeit trat. Es war ihrer Lebenswerke erste, vollständige Übersicht, die geboten wurde. ... Nach den Ausstellungen in Hagen, München und Jena wurde im Hause des Freiherrn von der Heydt in Elberfeld noch einmal alles vereinigt, was zu Paul Modersohns monumentalem Schaffen gehört. Von dort kehrten nur wenig Werke zu den Nachlaßbeständen zurück. Der größte Teil ist nun in festen Händen. ... Dies sind vorläufig die wichtigsten Ankäufe. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die Kollektion dadurch so erschöpft wurde, daß sie sich wieder längere Zeit sammeln und neuorientieren muß, ehe sie ihren Weg in die Öffentlichkeit weitergeht. Allerdings war das Schaffen Paula Modersohns so umfassend und reich, daß bisher nur ein kleiner Teil des Werkes gezeigt werden konnte, auch sind neuerdings bedeutende Funde unbekannter Arbeiten hinzugekommen. ... Im Herbst dieses Jahres soll das Gesamtwerk noch einmal in der Bremer Kunsthalle ausgestellt werden."
Zeitschrift „Die Frau" 1913 - S. D. Gallwitz, Bremen
„Vor einigen Jahren wurde der Name Paula Becker- Modersohn viel genannt. Das war damals, als sie, die Gattin des bekannten Landschaftsmalers Otto Modersohn ...., auf der Höhe ihres Lebens stehend, starb. Damals wurden ihr Bilder in der Öffentlichkeit viel besprochen. Sie hingen an den Wänden der Ausstellungssäle als fremdartige Erscheinungen; sie kamen dem Verständnis aller schnell werten Wollenden um keinen Schritt entgegen und zwangen doch jedermann, daß er stehen bleiben mußte, um sich mit ihrer spröden Größe auseinander zu setzen. ... die Bilder Paula Modersohns lebten intensiv weiter in der Abgeschiedenheit des Familienbesitzes oder des Beiseitegestelltseins; nur ganz vereinzelte und nicht die besten waren von Museen angekauft worden.
.... heute ist Paula Modersohns Lebenswerk aus der Verborgenheit heraus und wieder an die freie Luft und in die Öffentlichkeit hineingewachsen; das Folkwangmuseum in Hagen hat in diesem Winter in einer
Kollektivausstellung herausgestellt, gegen zweihundert Gemälde, Skizzen, Zeichnungen und Radierungen, und von dort aus ist es weiter durch die deutschen Kunststädte gegangen. ...
Ihr Verhältnis zur Farbe und Form, ihre Stellung zum Objekt wird von dem einen großen Trieb bewegt: in die Tiefe der Dinge zu dringen, der Wahrheit nahezukommen; der Wahrheit, die nicht identisch ist mit Wirklichkeit und Oberfläche. Ihr Wesen war leidenschaftlich an die Schönheit der Umwelt hingegeben. ... Erzählen tun die Bilder Paula Modersohns nicht; oder doch nur demjenigen, dem jeder Blick in die Umwelt etwas zu erzählen hat. ...Daneben noch das vollkommene Zurücktreten alles Subjektiven; keine Spur von hervortretendem Individualismus, .... Weil... in ihren Bildern alles Individuelle und Subjektive in weiter Distanz von uns halten, wird das Interesse ganz besonders zu der dahinterstehenden Persönlichkeit hingezwungen. Das ist um so mehr der Fall, als es sich hier um Werke einer Frau handelt."
Bremer Nachrichten 21. Oktober 1913 - Curt Stoermer (Verlagsbesitzer – Horen – Verlag)
Zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen
„ Was der Oktober - Ausstellung ein eigenes Gepräge gibt, ist die Geschlossenheit ihrer Peripherien, und zwar können wir die Aussteller in zwei Kreise gruppieren, die sich ergänzen, um uns anschaulich zu machen, was unsere Zeit an konkreten Strömungen bewegt. In den Werken von Ulrich Hübner und E.R. Dietze erkennen wir die impressionistische Anschauung. Paula Modersohn, Otto Modersohn und Bernhard Hoetger schaffen vielmehr von innen heraus, in einer Formenwelt, die im Visionären liegt, in einem elementär Triebhaften, welches von jeder Naturbetrachtung isoliert ist.
... Und gerade bei dieser Ausstellung ist ein Sichversenken lohnend, weil wir es hier mit der ursprünglichen Form des Expressionismus zu tun haben, die noch nicht durch die harte intellektuelle Note derjenigen Kunstrichtungen getrübt ist, die unter Schlagwörtern wie Futurismus und Kubismus hinlänglich populär geworden.
...
Die Nachlaßausstellung Paula Becker Modersohns ist sicherlich das weittragendste Ereignis. Ihre Werke zeugen von einer Kraft, die mit seltener Sicherheit dem Gesichtskreis ihrer künstlerischen Anschauung beherrscht. Diese Kunst ist urwüchsig. Sie im modernen Sinne Malerei zu nennen, ist fast zu wenig anschaulich. ...Alles ist bei ihr auf eine einzige große Wirkung hingearbeitet und ein einziger Ausdruck. Man vermißt so ganz das Spielerische und Künstliche des Farbenmaterials. Die Werke sind wie aus Erde und Natur geschaffen, mit genialen Händen geformt. ...
Nur selten kommt dem Suchen nach plastischer Modulation die Kontur zu Hilfe. Sie hatte in diesem Sinne die entgegengesetzte Anschauung von Van Gogh. Und dies Beispiel ist sehr lehrreich. Während Van Gogh den Ausdruck sucht für die Bewegung der Atmosphäre in und über den Dingen und zu einer atmosphärischen Zeichnung und Pinselführung gelangt, geht Paula Modersohn über dies analysierende Trachten hinweg. ... Das Bildmäßige wird souverain. Sie antwortet auf die Einwirkung des
Impressionismus mit einer Monumentalkunst. ... Es ist bezeichnend, daß bei Paula Modersohn jede leidenschaftliche oder auch nur aktive Geste fehlt. In ihren Porträts, Figuren und Landschaften ist der Inhalt stets negativ und selbstlos. Aus dieser Eigenart erklärt sich für den Psychologen ihre Vorliebe für die Geste des Mütterlichen und die Darstellung des fast konkret Weiblichen. ..."
3. Die Weimarer Republik
Mit dem ersten Weltkrieg war das Deutsche Kaiserreich mit seinen Fürstentümern zu Ende gegangen. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Republik aus, die eine neue Epoche deutscher Geschichte einleitete. Die erste Phase, die Weimarer Republik, war davon geprägt, den neuen Staat aufzubauen und zu festigen. Dabei mußten die Kriegsfolgen und die Bedingungen des Versailler Friedensvertrages getragen werden. Die folgende Wirtschaftskrise mit Inflation und Massenarbeitslosigkeit leitete die zweite Phase ein, das sogenannte „Dritte Reich".
Die Zeit der Zwanziger Jahre sind als „Die wilden Zwanziger" in die Geschichte eingegangen.
„ Kaum jemals konnte man sich an Zeiten erinnern, in denen es so turbulent, so aufgedreht, so tanz- und vergnügungssüchtig, so respektlos gegenüber Traditionen und etablierten Werten hergegangen war wie in jenen Jahren. Die Spießer rieben sich die Augen und erkannten die Welt nicht wieder. Die Frauen warfen das Korsett über Bord, trugen kurze Hängekleidchen, schnitten sich die Haare ab, die sie als <Bubikopf> trugen, erkämpften sich das Wahlrecht, rauchten Zigaretten und fuhren Auto, ergriffen einen Beruf und gingen, vorher alleiniges Vorrecht von Prostituierten, unbegleitet in Tanzetablissements.
Jazz war modern, der Charleston trieb ganze Heerscharen zu Schüttelkrämpfen, Charlie Chaplin war der Held der Kinder und Erwachsenen, Valentiono der erklärte Schwarm aller Frauen, und Marlene Dietrich mit ihrem Evergreen <ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt> aus dem <Blauen Engel> auf dem Sprung zum Weltstar.
Alles schien möglich, alles erreichbar, nichts würde jemals wieder so sein, wie es einmal gewesen war. Die Welt änderte sich gründlich, ja stündlich."
Zur Ausstellung 1920 in der Kunsthalle Bremen
Bremer Nachrichten, 23. April 1920, Kunsthalle Bremen (Robert Kain)
„Groß ist die Zahl der Bilder, kaum als Ganzes zu überschauen! Vom Besten viel und gleichviel vom weniger Guten! Oft nur ein schneller Gedanke, der für das Atelier, nie für die Ausstellung bestimmt war, oft ein humorvoller Einfall, in glücklicher Stunde hingestrichen für die nächsten Angehörigen, vielleicht nur für die eigenen vier Wände, niemals aber für die breite Öffentlichkeit! ... Die beiden Säle der Kunsthalle hätten auch mit dem allerbesten noch genügend geschmückt werden können."
4. Zusammenfassung und Auswertung
Zunächst ist ganz offenkundig, daß die Presse mit Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Machtstellung einzunehmen vermochte. Die Öffentlichkeit, durch wen auch immer repräsentiert, erhielt ein kaum gekanntes Mitspracherecht.
Die ersten öffentlichen Präsentationen von Arbeiten der Paula Modersohn-Becker werden von Fachleuten in der Presse kritisch kommentiert.
Kataloge waren in der Anfangszeit kaum zu finden.
Die erste Kritik verfaßte der Maler Arthur Fitger, dem es mindestens genauso um Gustav Pauli wie um Paula Modersohn-Becker ging. Pauli, der Direktor der Kunsthalle Bremen, hatte die erste öffentliche Präsentation von Arbeiten der Paula Modersohn-Becker möglich gemacht.
Der Maler Carl Vinnen wiederum, versuchte die Kritik von Fitger zu entkräften, blieb aber auch nicht bei den Künstlerinnen sondern wiederum bei Arthur Fitger.
Im Jahr 1899 standen die neuen Entwicklungen gerade erst am Anfang, so daß die Kritik von Arthur Fithger im Rückblick fast zeitgemäß erscheint. Die Kunst von Paula Modersohn-Becker war anders, unbekannt, von einer Frau, und außerdem fehlten die Erfahrungen im Umgang mit solcher Art von Kunst.
Trotz weiterer Bemühungen gelang es Paula Modersohn-Becker zu Lebzeiten nicht, in der großen Öffentlichkeit anerkannt zu werden.
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren Kunstausstellungen für die meisten Künstler die einzige Chance, ihre Arbeiten zu verkaufen. Das Gelingen einer solchen Aktion bedeutete für sie zumindest eine zeitliche finanzielle Absicherung.
Paula Modersohn-Becker hatte immer Förderer. Zunächst waren es Gustav Pauli, Emil Walden, Otto Modesohn, Heinrich Vogeler, Bernhard Hoetger, Ludwig Roselius.
Rainer Maria Rilke dagegen hat in seiner Monographie über die Worpsweder (1903) Paula Modersohn-Becker nicht erwähnt. Erst nach ihrem Tod erkannte er die Qualität ihrer künstlerischen Arbeiten und widmete ihr eines seiner Werke, das „Requiem an eine Freundin", welches 1909 entstand.
Ein Jahr nach ihrem Tod im Jahre 1908 kam es zu der ersten umfangreichen Gedächtnisausstellung in der Kunsthalle Bremen, die erstmals ihre Arbeiten im Zusammenhang präsentierten. Gewichtig hervorgehoben wurden von der Kritik die Stilleben. Sie waren möglicherweise am ehesten faßbar, bekannt, vertraut wohl auch durch die Arbeiten der Franzosen, mit denen Paula Modersohn-Becker anfangs immer wieder verglichen wurde.
Auch war in den Stilleben die offensichtliche Hinwendung zum bekannten „Schönen" noch gegeben, was in den anderen Arbeiten in der bis dahin bekannten Weise nicht zu finden war.
Dann wird immer wieder die Verbindung zwischen der Person Paula Modersohn-Becker und der Hilflosigkeit, die Kunst mit einer Frau als Schöpfer zu verbinden, thematisiert. Der auf Seite 16 aus der Düsseldorfer Zeitung zitierte Artikel von Eberhard Buchner endet mit Ratlosigkeit.
Ihre Kunst gelangte durch die vielfältigen Diskussionen immer mehr ins Bewußtsein der Fachleute und der Interessierten (Leserbrief), so daß die Kunst von Paula Modersohn-Becker ein Charakteristikum ihrer Zeit werden konnte.
Die Wanderausstellung von 1913 verschaffte einen Überblick über das Gesamtwerk und war dabei gleichzeitig eine Verkaufsausstellung. Es wird erstmals ganz deutlich benannt, daß die Arbeiten langsam in das Bewußtsein der Öffentlichkeit hineinwuchsen.
Es ging jetzt auch darum, postum die Motivation und die Ziele der Künstlerin zu begreifen. Sie wird als Forscherin der Wahrheit gesehen und empfunden. Dadurch ist die erste kunstgeschichtliche Zuordnung gegeben, der Expressionismus.
Die Ratlosigkeit im öffentliche Umgang mit der Kunst von Paula Modersohn-Becker geht synchron mit fehlender Orientierung, die mit der Einordnung zu den Expressionisten zeitweise umgangen wurde.
Die Ausstellung 1920 in Bremen spiegelte für den Kritiker die Zeit wieder, genauso unüberschaubar und unverständlich.
Ein gewaltiger Schritt und Höhepunkt in Richtung öffentlicher Anerkennung war die Eröffnung des Paula Becker - Modersohn - Hauses 1927 in Bremen.
Ludwig Roselius, ein Kaufmann und leidenschaftlicher Kunstsammler, hatte die Ideen dazu. Zusammen mit Bernhard Hoetger, der den Entwurf des Hauses lieferte, realisierte er seinen Wunsch.
Im Laufe der ersten zwei bis drei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts wird die erste Wandlung in Urteil und Einstellung zu den Werken von Paula Modersohn-Becker sichtbar.
V. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker werden verboten
1. Die Zeit des Nationalsozialismus
Die Moderne war neu, progressiv und kaum faßbar; dieser Aufbruch rief auch gegnerische Kräfte hervor. Der bösartigste Angriff erfolgte durch das terroristisch herrschende Regime des Nationalsozialismus.
Im Frühjahr 1933 wurde das Bauhaus in Berlin geschlossen. Im selben Jahr noch wurden modern gesinnte Künstler und Museumsleiter aus dem öffentlichen Dienst entlassen; 1937 erließ die Regierung einen Aufruf zur Beschlagnahme der „entarteten" Kunst. Es kam 1937 in München zur Ausstellung „Entartete Kunst"; ein Jahr später wurden beschlagnahmte Werke aus deutschen Museen in Luzern versteigert.
Dies ist nur ein Beispiel für den Zustand der Zeit. Dazu kamen Denunzierungen an jeder Stelle, das heißt Denunzierte und Denunzianten. Die politische Macht wurde herrschsüchtig, skrupellos und mordsüchtig mißbraucht.
Angst und Schrecken wurden verbreitet.
Gleichzeitig wurde die Kunst den diktatorischen Normen der Nazis und ihrem „gesunden Volksempfinden" unterworfen.
2. Ausstellung in Hannover und Basel
Aus der Zeit des Nationalsozialismus sind drei
Sonderausstellungen von Werken der Paula Modersohn-Becker zu nennen. Sie wurden in Hannover, Basel und Bern organisiert.
Zur Ausstellung 1934 in Hannover in den Räumen der Kestner – Gesellschaft
Die Ausstellung fand in der Zeit vom 5. Oktober bis
4. November 1934 statt. Zu sehen waren 130 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen.
Eröffnet wurde die Ausstellung mit einem Vortrag von dem Museumsdirektor der Kunsthalle Hamburg, Prof. Dr. Gustav Pauli.
Zu der Ausstellung erschien ein kleiner Katalog in A5 Format.
Er umfaßt acht Seiten, wobei sich fünf auf die Ausstellung von Paula Modersohn-Becker beziehen. Die anderen Seiten enthalten Werbung.
Der einleitende Text gibt einen kurzen, in Daten gefaßten Überblick über bis dahin stattgefundenen Ausstellungen.
„ Wenn die Kestner Gesellschaft nach nunmehr 17 Jahren erneut eine Paula Modersohn Ausstellung zeigt, so geschieht dies um das heut weit zerstreute Werk noch einmal zusammen zufassen und geschlossen zur Wirkung zu bringen. Die verständnisvolle Hilfe der Familie Paula Modersohns, der Museen und Privatsammlungen hat uns ermöglicht, nicht nur eine große Zahl der wichtigsten Werke zusammen zubringen, sondern darüber hinaus auch eine ganze Reihe bisher unbekannter Arbeiten vorzustellen, so daß die Ausstellung nicht nur die Wirkung der Kunst Paula Modersohns, sondern auch der Kenntnis des Umfanges ihres Werkes dienen wird."
Ein knapper, in Sätzen formulierter Lebenslauf schließt sich an.
Es folgt das Verzeichnis der ausgestellten Werke.
Gemälde/ Selbstbildnisse 1 - 11 elf Werke
Figürliche Bilder 11a-61 fünfzig Werke
Stilleben 62 -80 neunzehn Werke
Landschaften 82-90 neun Werke
Zeichnungen
Lebensgroße Studienzeichnungen, entstanden um1900
91 - 100 zehn Werke
Skizzen 101 -120 zwanzig Werke
Radierungen 121 -130 zehn Werke
Reproduktionen 131 – 133 drei Werke
(farbig faksimilierte Hanfstaengel - Drucke)
Bildnisbüste Paula Modersohns
Von Clara Westhoff Rilke um 1900 in Gips
Bsp. der verzeichneten Bilder: (Abb.1)
45. Zwei Mädchen, Halbfiguren, um 1905.Hamburg Dr. Rauert. 58:38 P. Pauli 156
Die Angaben standen in einer Zeile.
Laufende Nummer
Bildbezeichnung
Entstehungszeit
Ort
Besitzer
Maße und Malgrund
Hinweis auf Paulimonographie
Frankfurter Zeitung, Hannover 1934,- Kestner – Gesellschaft, Carl Georg Heise
„Selten haben Ruhm und wahres Wesen einer Kunst so ungleich Schritt gehalten wie beim Lebenswerk der norddeutschen Malerin Paula Becker - Modersohn. Der sprunghafte Wechsel der öffentlichen Beurteilung im Laufe von knapp drei Jahrzehnten ist ein Zeichen für die Unsicherheit unseres Kunsturteils, dem beim Außergewöhnlichen alle Maßstäbe fehlen und das daher wechselnder modischer Wallung allzusehr unterworfen ist. Ein einziges Bild nur hat die Künstlerin zu Lebzeiten verkauft, an Heinrich Vogeler, den damals berühmtesten Maler der Worpsweder Kolonie, ... . Den großen Umschwung hat nicht so sehr Gustav Paulis ausgezeichnete Monographie heraufgerufen, die es zum ersten und bisher einzigen Male unternommen hat, Paula Modersohns künstlerische Leistung klug abwägend der allgemeinen Entwicklung einzugliedern, als vor allem die Veröffentlichung der Briefe und Tagebuchblätter, 1917 hat die Kestner - Gesellschaft sie herausgegeben ... Das in den Hintergrund gedrängte , gemalte Lebenswerk wurde 1925 zugleich mit der Ehrenrettung durch eine geradezu hymnische öffentliche Wertschätzung ebenso sehr übersteigert wie vorher der schriftlicher Nachlaß. Wieder stand Hoetger befeuernd im Hintergrund. In der „Böttcherstraße" in Bremen wurde durch Ludwig Roselius im „Paula Modersohn - Haus" eine Fülle von Arbeiten der Künstlerin - neben bedeutenden Hauptwerken leider auch viel Nebensächliches - zu einem eigenen Museum eindrucksvoll versammelt; bei der Eröffnung nannte der begeisterte Stifter den Namen der Künstlerin unmittelbar neben dem Michelangelos. Die Reaktion war Empörung. ... Paula Modersohn wird mit den Expressionisten, die sie gar nicht gekannt hat, verfemt und an anderer Stelle als Exponent einer besonders echt und tief erdverbundenen Kunst gefeiert. Eins ist sicher: Die Jugend hat sie auf ihrer Seite. ... Wer heute die Räume der Kestner - Gesellschaft in Hannover betritt, der wird angesichts der 133 vornehm aufgereihten Meisterwerke den beglückenden Eindruck empfangen, als seien diese Bilder unbekümmert um den Tagesstreit weiter gewachsen zu schlichter Größe. Die Hängung ist chronologisch, so daß der Ablauf der kurzen Entwicklung von 1895 bis 1907 gut zu verfolgen ist. Stärker als zu solcher mehr kunsthistorischen Betrachtung wird man zu der überraschenden Feststellung der großen Einheitlichkeit des Gesamtwerkes angeregt. ... Den historischen Ort für die Kunst der Paula Becker - Modersohn zu bestimmen, steht uns noch nicht zu, aber der Meistertitel ist ihr gewiß."
Im Rückblick liest sich dieser Artikel wie eine Vorahnung. Die Ahnung, daß es mit solcher Art von Ausstellungen bald vorbei sein wird, schwingt bei der Lektüre mit.
Ausstellung vom 8. Februar – 8. März 1936 in der Kunsthalle Basel
In dieser Ausstellung wurden Arbeiten von Paula Modersohn-Becker zusammen mit solchen August Mackes ausgestellt.
Der Katalog führt mit einem Text von Herma Weinberg - Becker, einer Schwester von Paula Modersohn-Becker, aus dem „Buch der Freundschaft" in ihre Kunst ein.
Ein Lebenslauf in Form einer Zeittafel schließt sich an.
Danach folgt die Angabe der ausgestellten Werke, die in chronologischer Abfolge ohne Abbildungen festgehalten wurden.
Die Nummern 1 – 46 umfassen die Gemälde
Die Nummern 47 – 62 umfassen Aquarelle und Zeichnungen
Z.B. (Abb.3)
um 1900
Don Quichotte
Frau M. Rohland – Becker, Basel
Das mögliche Entstehungsdatum
Die laufende Nummer im Katalog
Die Bildbezeichnung
Der Besitzer
Eine weitere Ausstellung vom 8. April – 3. Mai 1936 in der Kunsthalle in Bern zeigte die selben Werke wie die
Ausstellung in Basel. In Bern wurden die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker zusammen mit denen von vier weiteren Künstlern gezeigt. Die ausgestellten Werke wurden dabei in der gleichen Weise wie die in Basel gezeigten aufgeführt.
Zeitschrift „Die Frau" 1935/36 S.546-552
Um eine Künstlerin S. D. Gallwitz
„In Worpswede war es vor allem ein Punkt, zu dem die Gedanken vorauseilten und der als Erstes aufgesucht wurde. Es war die auf dem hohen Weyerbergfriedhof gelegene Grabstätte der Malerin Paula Modersohn-Becker. ... Die Liebe einer ganzen Generation gehörte ihr! ..
Heute, wenige Jahre nach jener Zeit, sind es vollkommen gegenteilige Eindrücke, die im Zusammenhang mit der künstlerischen Erscheinung Paula Modersohns im öffentlichen Leben hervortreten. In Bremen, das als ihre Geburtsstadt und neuerdings noch durch das einen bedeutenden Teil ihres künstlerischen Werkes bergende Paula Modersohn – Haus in der Böttcherstrasse in besonderem Sinne als i h r e Stadt anzusprechen ist, - in Bremen ist ihre Kunst im eigentlichen Sinn des Wortes an den Pranger gestellt worden. Nicht nur, daß die Dauerausstellung ihrer Bilder in der Böttcherstraße geschlossen wurde – wochenlang wurden Reproduktionen ihrer Bilder als abschreckende Beispiele korrupter Kunst der Vergangenheit in den auf Straßen und Plätzen aufgestellten offiziellen Schaukästen herausgestellt. .... Die Jugend von heute sieht andere Arten von Bindungen und sie sieht auch in der Kunst das Gesetz als grundlegende Basis; etwas, von dem der Einzelne auszugehen, nicht etwas, zu dem hin er sich zu entwickeln hat. Der Individualismus ist von ihr wie der Baum im biblischen Gleichnis abgehauen und ins Feuer geworfen worden. Das Problem in der Kunst hat ausgespielt, ein Allgemeingültiges, ein Objektives, eine Einstellung von vornherein, die allenfalls auch als Gesinnung zu erfassen ist, ist als Ziel und Zweck gesetzt. ...
Im Zusammenhang mit dieser Erscheinung muß klar werden, daß für den heutigen Mangel an Verständnis für die Kunst Paula Modersohns sowohl innere als äußere Gründe vorhanden sind. Daß gerade in Bremen der Kampf der Jugend gegen sie in so harter Form geführt wurde, ist nicht Zufall und steht auch nicht in Beziehung zu einem durch ihre lokale Dazugehörigkeit besonders bedingten Interesse. Aber Bremen ist der Platz, wo ihr Werk zusammengefaßt sich der Öffentlichkeit darstellt. ... Der Hauptangriff der „Jungen" ging gegen ein bestimmtes Gemälde, einen lebensgroßen Frauenakt mit einem Säugling an der Brust, beide am Boden in einer, vom Beschauer aus gesehen, betont unschönen Lage. (Abb.4) Eine Studie, die niemals mit dem Willen der Malerin je die vier Wände ihres Ateliers verlassen und sich den Augen einer unbegrenzten Öffentlichkeit gegenübergestellt haben würde ... Wird die Kunst Paula Modersohns getroffen, wenn man sich von diesen und ähnlichen ihrer Studien abkehrt? Sie gehören nicht in die unbedingte Öffentlichkeit, sondern nur vor das fachmännisch geschulte und interessierte Auge, ..... Das weitgehende Mißverständnis, daß es sich hier bei der genannten Studie um ein „Mutter und Kind" zu benennendes Gemälde handele, durch welches Gemütskräfte angeregt werden könnten, wäre zu vermeiden gewesen. Hier ist die Stelle, wo der Bildersturm gegen Paula Modersohn am heftigsten und für den Außenstehenden am verständlichsten eingesetzt hat.
Es wird der Künstlerin aber auch in Bezug auf eine große Anzahl von Bildern und Studien im allgemeinen vorgeworfen, daß sie erbärmliche, ja idiotische Gestalten bevorzugt habe, die sie als „Bauern, Bäuerinnen und Bauernkinder „ bezeichne; Kranke, „Entartete und Auswurf der Menschheit".
... Die Jugend heute tritt gewappnet mit fest zu Gesetzen gefügten Anschauungen und Wunschbildern allen Dingen um
sie her gegenüber; in der Kunst aber ist es so, daß jedes Ding an seinem eigenen Maßstab gemessen, daß es einzeln genommen und aus seiner eigensten Art verstanden werden will. Es ist unter solchen Vorbedingungen ein weiter Schritt vom rein gegenständlichen Erfassen des Kunstwerkes bis zu jener Stelle, wo es seine Innerlichkeit und damit erst sein wirkliches Wesen uns offenbart; leicht geschieht es, daß man trotz aller Intensität diesseits der wesentlichen Stelle stehen bleibt."
3. Zusammenfassung – Auswertung
Aus der Zeit des Nationalsozialismus sind drei Ausstellungen bekannt, von denen zwei in der Schweiz organisiert wurden. In Bremen fand in dieser Zeit keine Sonderausstellung mehr statt.
Der Schwerpunkt der ausgestellten Werke in Hannover lag im Bereich der Darstellungen von Menschen. Die Kritik betont wieder die Unsicherheit in der Beurteilung der Kunst. Dabei wird auf das Paula Becker - Modersohn - Haus genauso hingewiesen, wie auf die Tatsache, daß sie die Expressionisten nicht kannte und deshalb eine „Ächtung" in dem Zusammenhang ungerecht sei. Auch hier wird ein Ringen spürbar, das mit eindeutigem abschließenden Bekenntnis zum Werk der Künstlerin gelöst wird.
Den Ausstellungen in der Schweiz ist kein heute deutlich erkennbarer Schwerpunkt gesetzt worden.
S.G. Gallwitz, die 1917 im Auftrag der Kestner Gesellschaft die Briefe und Tagebücher der Künstlerin herausbrachte, ist bemüht, einen Kompromiß in der Zeit des Nationalsozialismus zu finden.
Paula Modersohn-Becker wurde von den Nazis zu den „entarteten Künstlern" gezählt. Laut Christa Murken - Altrogge sind es mehr als 50 Gemälde, die mit dieser Begründung aus deutschen Museen und Sammlungen entfernt worden sind.
Ein Beispiel ist das Selbstbildnis Halbakt mit Bernsteinkette. (Abb.5) Es wurde aus der Sammlung der Kestner - Gesellschaft 1937 entfernt, in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst" gezeigt und im Anschluß in der Galerie Fischer in Luzern vom Kunstmuseum Basel ersteigert.
Bei den Ausstellungen rückt ein Anliegen im eigentlichen Sinne in den Hintergrund; es geht vielmehr darum, sich dem Zeitgeist so lange wie möglich zu widersetzen.
„Auch Kunst wird in dieser Welt aufgrund vielfältige Zwänge produziert und verfügt über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Spiele. Sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre und gute Kunst definiert. Es gib Instanzen und Mechanismen (Sammler, Kritiker, Händler, Kuratoren) welche die Modi festlegen, in denen die einen oder anderen Diskurse als Kunst sanktioniert werden."
VI. die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker werden wiederentdeckt
1. Die Nachkriegszeit
Zur Nachkriegszeit fallen uns zuerst Bilder ein, die auch um die Welt gingen. Frauen, die aus den Trümmern Neues schaffen, Frauen an Hydranten, Schlangen vor Geschäften. Millionen Menschen irren umher, suchen ihre Angehörigen. Damit verbunden Szenen eines kurzen Glücks, des Wiederfindens eines Verlorengeglaubten. Aber der tägliche Kampf ums Überleben blieb.
Strom, Wasser und Gas gab es nur zu bestimmten Zeiten. Politische und sozialökonomische Neuansätze waren bereits auf Grenzen gestoßen. Deutschland wurde geteilt.
Der zweite Weltkrieg war im Sommer 1945 zu Ende gegangen. Die Kriegsfolgen und vor allem die Schrecken der NS Herrschaft drängten zu der Frage:
Sind die schöpferischen Kräfte in der vorherrschenden Wüstenei nicht abhanden gekommen?
Die Nachkriegszeit wurde von einer alten und neuen Freiheit begleitet. Es eröffneten sich viele tausend Möglichkeiten. In den fünfziger Jahren wurden die Wege der vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten sichtbar und es wurde vom „Wirtschaftswunder" (Ludwig Ehrhard) gesprochen.
2. Ausstellung 1947 in der Kunsthalle Bremen
Zu dieser Ausstellung erschien in der Zeit der Papierknappheit ein Katalog im Format 188x127
mm und mit einer Seitenzahl von 31 mit 16 Abbildungen.Die Anzahl der verzeichneten Werke beträgt ohne Nachtrag 250. Im Nachtrag sind weitere14 laufende Nummern angegeben.
Die Ausstellung lief von Mai bis Juni 1947.
Zu Beginn des Kataloges steht ein tabellarischer Lebenslauf, gefolgt von einem Vorwort von Rudolf Alexander Schröder. Er war von 1947 bis 1950 Direktor der Kunsthalle Bremen.
Im Vorwort wird das Anliegen der Ausstellung benannt: zwei Gedenktage, der 70. Geburtstag und der 40. Todestag der Paula Modersohn-Becker, die den Charakter einer gewissen Zufälligkeit haben. Die nächste Begründung liegt in der Tatsache, daß die Werke von Paula Modersohn-Becker zu den „Entarteten" gehörten, mit dem Zusatz der „äußerlichen Motivation". Die Begründung der Ausstellung muß zwangsläufig eine Erweiterung erfahren.
Es heißt:
„ .....Daß Paula Modersohn in Wahrheit aber als Künstlerin über beinahe allen ihren expressionistischen Zeitgenossen steht u n d in der großen „Reihe" bester deutscher und europäischer Kunsttraditionen - wobei es in diesem Zusammenhang gänzlich gleichgültig ist, daß alle die Anderen Männer sind und sie als Einzige eine Frau -, die Erkenntnis, daß sie in gewichtigem Sinne Meister war in ihrer Kunst, ist erst Wenigen bewußt geworden. Dieser Erkenntnis zu dienen, sei Aufgabe unserer Ausstellung."
Ein einziger Satz beschreibt die Kunst der Paula Modersohn-Becker in ihrer Art Kunst, schlicht und wesentlich.
Den Besuchern wird der Dialog mit den Kunstwerken selbst überlassen. Ungewiß ist, ob in der Ausstellung ein Einleitungstext zu finden war, oder ob der Katalog mit dem Vorwort die Aufgabe des einführenden Textes übernahm.
Im Text wird weiter auf die Ausstellungsinhalte hingewiesen. Es heißt : „ Die Ausstellung umfaßt neben einer bedeutenden Zahl von bekannteren Hauptwerken (zumal aus der Paula Modersohn-Becker – Sammlung des Ludwig Roselius in der Böttcherstraße zu Bremen und aus der Kunsthalle Bremen) eine Große Menge von vollkommen unbekannten Bildern, Ölskizzen und Handzeichnungen, die besonders für die Frühzeit der Künstlerin wichtiges Material bieten. Aber auch die späteren Jahre ihrer so kurzen Schaffenszeit werden klarer beleuchtet – es sei nur an die knappen Aktstudien und an jene so besonderes instruktiven Nachzeichnungen nach Meisterwerken des Louvre erinnert, die ihre Zeichenkunst in neuem Lichte darstellen. .... Der Katalog selbst verzichtet absichtlich auf eine durchgehende Datierung . Eine genaue Chronologie der Werke ist nur möglich auf Grund sorgfältiger, stilkritischer Untersuchungen, von denen wegen der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit bisher abgesehen werden mußte."
Im Eingangsbereich der Ausstellungsräumlichkeiten oder an einem dominanten Ort hat die Büste Paula Modersohn-Beckers von Clara Rilke - Westhoff gestanden.
Die Ausstellung wurde so aufgebaut, daß drei Hauptabteilungen deutlich erkennbar werden:
Gemälde
Handzeichnungen
Radierungen
Diese erste Unterteilung erfolgte nach der Art der Werktechnik.
Jede Abteilung wurde inhaltlich außerdem in Themenbereiche untergliedert.
Gemälde:
A Selbstbildnisse
B Bildnisse, Kopfstudien u.ä
C Figürliche Kompositionen u.ä.
D Studien (Tiere, Blumen usw.)
E Stilleben
F Landschaften
Handzeichnungen
A Kompositionen, Bildentwürfe u.ä.
B Kopien nach alten Meistern (vergl. Brief, Paris 7.März 1903)
„- Ich freue mich aber auch ganz concentrieret, daß ich hier bin und nutze meine Zeit gut aus. Ich zeichne jetzt fast täglich im Louvre, Bilder und Plastiken. An der Hand der Skizzenbücher kann ich Dir dann fein erzählen."
C Selbstbildnisse
D Bildnisköpfe usw.
E Figürliche Studien, Sachstudien usw.
F Landschaften
G Aktstudien und - kompositionen
H Vorarbeiten für Radierung und Gebrauchsgraphik
Die Abteilung Radierung ist nicht unterteilt worden, denn die geringe Anzahl der Werke (11) gab dazu keinen Anlaß.
Der Katalog nimmt Bezug auf die Monographie von Gustav Pauli, 1919, und den Katalog der Paula Becker - Modersohn Sammlung des Ludwig Roselius in der Böttcherstraße in Bremen, hrsg. von Walter Müller - Wulkow, 1927.
Wenn die ausgestellten Werke bereits in der Monographie von Gustav Pauli aufgenommen waren, ist in diesem Katalog der Hinweis in Form der laufenden Monographienummer gegeben.
Der weitaus größte Teil der ausgestellten Werke stammte aus Privatbesitz. Weitere Werke stammten aus der Kunsthalle Bremen, der Kunsthalle Hamburg und der Sammlung Roselius.
Die Werke sind in folgender Form aufgenommen worden..
z.B.
112 S ä u g l i n g i n d e r W i e g e Kunsthalle Bremen
Kohle. Unbez. 256 : 282 mm
Laufende Nummer in der Ausstellung
Bildbezeichnung
Herkunft
Malmaterial /oft mit Malgrundbezeichnung
Hinweis auf die Signatur
Größenangabe/ Höhe x Breite
Es ist anzunehmen, daß Labels in gleicher oder ähnlicher Form die Ausstellungsobjekte in der Ausstellung direkt beschrieben.
Der SPIEGEL; Hamburg 31. MAI 1947 zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen
„ Ein großes Erlebnis für unerfahrene und eine Überraschung für Kenner ist die Ausstellung, welche die Bremer Kunsthalle zeigt. In aller Vollständigkeit enthält sie das Lebenswerk der Malerin Paula Becker – Modersohn.
260 Erzeugnisse ihrer Hand enthüllten die Geheimnisse ihres Werdens. Fast lückenlos sind die Quellen freigelegt, aus denen ihr Werk, in einer irrsinnigen Zeit als „entartete Kunst" bezeichnet, kommt. ... Hausmann erinnert daran, daß niemand ihre Bilder erkannte, daß sie nichts als Spott und Gelächter fand, als sie sich an die breite Öffentlichkeit wagte. ... Manfred Hausmann spricht davon, wie Paula Modersohn-Becker mit jedem Werk tiefer eindringt, „in die Geheimnisse der Farben, zumal der duften Farben, die es ihr so angetan hatten, in das merkwürdige Wartende und Fragende, das über den Dingen liegt, in die Urform eines Angesichts, in das Wesen des Kreatürlichen in die einfachen Schönheiten der Erscheinungen." Die Bremer Ausstellung verzeichnet den Werdegang Paula Becker - Modersohns vom ersten Schritt an. Sie zeigt, wie die Malerin in der kurzen Zeit ihres Lebens eine Epoche durchstürmt, alles an Anregung mitnehmend, was sie am Wegrand fand. ... In Kunstausstellungen herrscht gern jene feierliche – steife Atmosphäre, die allenfals ein von kunstverständiger Würde gedämpftes Wispern und diskretes Räuspern gestattet. In der Bremer Kunsthalle ist diese Atmosphäre wie weggewischt.
Die Pauls - Becker - Modersohn - Ausstellung lenkte in den ersten Tagen einen Massensturm von Besuchern auf sich, von jungen Menschen vor allem. In lebhaftem Flüstern wurde diskutiert. Eine lebendige Kunst fand lebendigen Widerhall."
Die Neue Zeitung, München 6. Juni 1947 Kunsthalle Bremen,
Hellmut Alt
„ Am Sonnabend vor Pfingsten eröffnete Rudolf Alexander Schröder mit einer wohlformulierten, aus persönlicher Kenntnis geschöpften Rede eine Paula Modersohn - Becker - Ausstellung. Welche - nach den vorangegangenen Ausstellungen von Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth – als das Ereignis des Jahres bezeichnet werden kann. ... Neben ihren bekannteren Hauptwerken – zumeist aus der Paula Modersohn-Becker - Sammlung von Ludwig Roselius in der Böttcherstraße - umfaßt die Ausstellung eine bedeutende Zahl vollkommen unbekannter Bilder, Handzeichnungen und Ölskizzen, besonders aus ihrer Frühzeit, die ihr Verhältnis zum Jugendstil, zu allem Bewegenden der Zeit um die Jahrhundertwende sichtbar machen. ... Auch der voreingenommene Besucher wird durch diese Ausstellung angerührt werden von Wollens und der Aufrichtigkeit, aus der die Künstlerin ihr Werk geschaffen hat."
3. Gedächtnisausstellung 1957
Diese Ausstellung wurde in Bremen in der Böttcherstrasse und in München im Lehnbachhaus gezeigt.
Zur Ausstellung erschien ein Katalog im Format 149 x 250 mm und einer Seitenzahl von 36 mit 11 Abbildungen.
Die Anzahl der verzeichneten Werke beträgt ohne Nachtrag 250. Die Ausstellung fand in der Zeit vom 5.Oktober bis 13. November 1957 statt. Im Nachtrag sind 14 laufende Nummern angegeben.
Zu Beginn des Kataloges steht ein tabellarischer Lebenslauf.
Die Ausstellung ist entstanden in Zusammenarbeit mit der Tochter von Paula Modersohn-Becker, Tille Modersohn.
Die Zusammenstellung der Ausstellung und des Kataloges übernahm Dr. Günter Busch, der damalige wissenschaftliche Direktor der Kunsthalle Bremen.
Der Katalog teilt sich in drei große Abteilungen. Wie im Jahre
1947 wurden die drei Hauptabteilungen wieder durch die Art
der Werktechnik und die weitere Gliederung nach Inhalten
unterteilt.
I Gemälde
Selbstbildnisse
Bildnisse bekannter Personen
Bildnisse, Kopfstudien
Figurenbilder
Aktkompositionen
Aktstudien
Stilleben
Landschaften
II Handzeichnungen
Selbstbildnisse
frühe Studien
Kopf und Bildnis
Figurenstudien
Figürliche Studien in der Landschaft
Kompositionsskizzen
Aktstudien
(fehlt)
Landschaften
Pariser Ansichten und Studien
Tiere
Nachzeichnungen
Vorarbeiten für Radierungen und Gebrauchsgraphik
III Radierungen
IV Fotos, Briefe
Der einführender Text von Günter Busch gibt Auskunft über den Anlaß, den Sinn der Ausstellung und die Bedeutung der Arbeiten von Paula Modersohn-Becker.
„ Der Bremer Gustav Pauli hat ihr die erste Monographie gewidmet und der Bremer Ludwig Roselius im Paula - Becker - Modersohn - Haus der Böttcherstrasse eine dauernde Gedächtnisstätte für ihre Kunst geschaffen. So ist es nur natürlich, daß die Böttcherstrasse in Bremen zum Gedenken an ihren 50. Todestag eine Ausstellung veranstaltet, zumal die Bremer Kunsthalle - mit großzügiger Unterstützung durch die Böttcherstrasse - schon vor zehn Jahren eine erste große Nachkriegsschau zusammengebracht hat.
.... Die Tatsache aber, daß die Ausstellung von Bremen aus anschließend nach Süddeutschland geht, weist auf ihren eigentlichen Sinn und Zweck ... ist ihr Werk jedoch jenseits des Mains in der künstlerischen Öffentlichkeit weniger bekannt als etwa in England oder in den USA.
... sie ist es gewesen, die deutsche Kunstentwicklung um die Jahrhundertwende wieder mit dem großen internationalen Geschehen verknüpft hat. ... sie(hat) von Beginn an Kontakt und Reibung mit Paris gesucht. Sie wußte, wo die Entscheidungen für die neue Epoche fielen. Wie nachtwandlerisch strebte sie fort aus der Enge von Heimatkunst und Malerkolonie."
Dieser Einleitung folgen die Lebensdaten in tabellarischer Form.
Die Künstlerin wurde für eine breite Öffentlichkeit durch die Herausgabe der Briefe und Tagebücher im Jahre 1917 bekannt. Im Katalog sind verschiedenen Briefe und Aufzeichnungen abgedruckt worden.
Die ausgestellten Werke wurden wie folgt in den Katalog aufgenommen .
z.B. (Abb.6)
Worpsweder Bauernmädchen
auf einem Stuhl ( 1904/05)
Leinwand 89x60
Bez. l. u.: P.M.B.
Pauli 31
Bremen , Kunsthalle
Abb.S.13 (Ausschnitt)
laufende Nummer
Bildname Bezeichnung
Malgrund
Maße
Signatur
Hinweis auf die erste existierende Monographie von Gaustav Pauli
Herkunft, Ort
Hinweis auf vorhandene Abbildungen im Katalog.
Dem Katalog ist zu entnehmen, daß in der Ausstellung außerdem sechs Fotos und drei originale Postsendungen zu sehen waren.
Brief an die Eltern, Paris 6.3.1903
Brief an Otto Modersohn, Paris 18.3. 1905
Postkarte an Otto Modersohn, Paris 8.5.1906
5.Okt. 1957 –Weser Kurier – zur Ausstellung in der Böttcherstrasse, Heinz Ohff
„Gedächtnisschau für Paula Modersohn-Becker
Mit ihr begann ein Jahrhundert
In dem nach ihr benannten Haus in der Böttcherstraße wird am Sonnabend eine Gedächtnisschau zum 50. Todestag am 20. November eröffnet, die Dr. Günter Busch zusammen getragen hat, 85 Ölbilder, 150 Zeichnungen und zehn Radierungen aus der Roselius - Sammlung, den Beständen der Kunsthalle, aus Privatbesitz und aus den Museen in Wuppertal und Hannover werden die mutmaßlich umfassendste Gesamtausstellung der Künstlerin abgeben, die je gezeigt worden ist.
Für Bremen mag dies eine beinahe selbstverständliche Ehrung sein. Die Schau wird aber dann nach dem 13. November, in drei weiteren süd- und westdeutschen Kunstzentren gezeigt werden: in München, Mannheim und Düsseldorf.
Günter Busch hat die Ausstellung - vielleicht gerade solcher Voraussetzungen wegen - mit großer Folgerichtigkeit gegliedert. Er faßt das - im wesentlichen ja auf sieben Schaffensjahre konzentrierte - Werk nicht chronologisch zusammen, sondern in Themenkreise. Für Kenner und Freunde erhält dadurch manches Alltvertraute einen neuen Akzent; jeder aber, der bislang nur entfernt mit diesen Bildern vertraut war (und das sind mehr und gewichtigere Leute, als sich von Bremen aus ahnen läßt), wird durch solch übersichtlich - einfühlsame Gliederung verstärkt auf die überragende Stellung hingewiesen, die diese Künstlerin unter den ersten Malern der deutschen Moderne einnimmt. Wie gern wird doch selbst heute noch Paula Becker vergessen, wenn man von der Moderne, vom deutschen Expressionismus, vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts spricht. ... Überhaupt läßt diese Ausstellung greifbar werden, mit welcher unterbewußten Selbstsicherheit Paula Becker innerhalb weniger Jahre ihren Weg fand. Um sie
herum blüht der Jugendstil, die Worpsweder Heimatkunst - still, bescheiden, ohne die später so gern angewandten lauten Fanfaren der Manifeste und Kampftheorien stellt sie sich, als erster deutscher Künstler, in die Reihe Cezanne, van Gogh, Gauguin, Munch. Ohne im mindesten lehrhaft zu werden, geht es der Ausstellung insgeheim gerade um diese Tat...."
Frankfurter Allgemeine 4.12.1957 - Heinrich W. Petzet
„ ...Ein Satz, mit dem Werner Haftmann in seiner „Malerei des 20. JH. auf Paula Becker Modersohn als Wegmarke im großen Aufbruch der Zeit hinweist, sollte denen zu denken geben, die sie immer noch in worpswedische Zusammenhänge sehen möchten:" Eine Hand voll Bilder, in denen sie das Problem der neuen Malerei in Händen hielt, sind ihr gerade noch vergönnt gewesen ... .Auf diese handvoll Bilder kommt es an. Ein Blick auf die in Paris entstandenen Werke der Spätzeit genügt, um zu sehen, daß es nicht (wie behauptet worden ist) ihr Anliegen war, in den Darstellungen alter Bäuerinnen und strohblonder Kinder <einen Weg zum Volkstümlichen zu finden.> ... Wie sehr sie alles bloße Sentiment hinter sich gelassen hatte, ist ihr noch nachträglich bescheinigt worden, als man ihr, statt sie als Verkünderin von <Blut und Boden> zu preisen, die Ehre antat, zu den „Entarteten" gezählt zu werden. Siebzig Werke von ihrer Hand – mehr als von Chagall – wurden so in Deutschland beschlagnahmt, verschleudert, vernichtet."
4. Zusammenfassung - Auswertung
In den Rezensionen werden die Ausstellungen mit Freude über Altbekanntes bejubelt.
1947 wurde der Bestand gesichtet, um das Gesamtwerk von Paula Modersohn-Becker der Öffentlichkeit zu zeigen.
Ihr Lebenswerk als meisterhaftes Gesamtkunstwerk zu präsentieren war das Anliegen der Ausstellung. Die Bilder wurden in ihrem schöpferischen und sich entfaltenden Zusammenhang entdeckt und präsentiert.
Die Reaktionen blieben nicht aus. Fachleute und Interessierte diskutierten, tauschten ihre Gedanken vor Ort und Stelle aus.
Es entstanden geräuschvolle Begegnungen, die voraussehende Wellen schlugen.
Eine gelungene Ausstellung, die darauf wartete, daß ihre Ergebnisse und Ziele in den nächsten Anwendungen genutzt würden.
Die Ausstellung 1957 stellt eine Weiterführung des begonnen Dialogs dar, indem die Entdeckungen von 1947 unter ergänzenden Gesichtspunkten ausgewertet wurden.
Einen großen Teil der Ausstellung in Bremen nahmen die Zeichnungen ein. Diese wurden in München nicht gezeigt.
Die Ausstellung hatte zwei Anliegen, zum einen die Rezeption über Bremen hinauszuführen - die Ausstellung wurde auch in München gezeigt - und zum anderen die weltoffenen und grenzenlosen Formen, Farben und Inhalte der Kunst von Paula Modersohn-Becker deutlich zu akzentuieren, um die Malerei der Moderne zu charakterisieren.
Die Rezensionen griffen dieses Anliegen auf und erweiterten es. Die noch nicht verarbeitete Zeit des Nationalsozialismus findet hier ihre eine Reflexion in der Umkehrung der damaligen Situation. Es ist nun eine Ehre, zu den „Entarteten" gezählt worden zu sein.
Des weiteren wird ein neu entdeckter Wert der Kunst der Malerin vorgestellt. Sie gehört zu den ersten Malern der deutschen Moderne.
Beide Ausstellungen zeigen die Entwicklung von Kennen über Entdecken zu Neuentdecken und Erleben.
Paula Modersohn-Becker stand an der Spitze einer neuen Kunstentwicklung. Die Parallele zum Neubeginn nach dem Krieg fällt auf. Die Zeit der „Wunder".
VII. Das Werk von Paula Modersohn-Becker erhält einen festen Platz in der Kunstgeschichte
1. Zeitstimmung
Die siebziger Jahre waren durch Protestbewegungen, die in der Studentenbewegung der 60-er Jahren ihren Ursprung hatten, geprägt. Es entstanden plötzlich eine unübersehbare Anzahl von Selbsterfahrungsgruppen, therapeutische Arbeitsgemeinschaften, Schreibwerkstätten, die unterschiedlichsten Frauengruppen. In Städten kam es zu Bürgerbewegungen, die nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Studentenbewegung standen.
Auch in der DDR kam es unterschwellig zu Protesten. Eine Folge war 1976 z.B. die Ausbürgerung von Wolf Biermann.
Das große Thema der siebziger Jahre war das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft und sich selbst.
In der DDR sorgte in dem Zusammenhang der Roman von Ulrich Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W."(1972) für Aufregung.
2. Die große Gedächtnisausstellung zum 100. Geburtstag der Künstlerin
Gemälde - Zeichnungen – Graphik
Die Ausstellung fand vom 8. Februar bis 4. April 1976 in Bremen statt. Zur Ausstellung erschien ein Katalog in Form eines Nachschlagewerkes im Format 600 x 220 mm ohne Seitennummerierung.
Der Katalog wurde erarbeitet von:
Günter Busch
Gerhard Gerkens
Anne Röver
Bernhard Schnackenburg
Jürgen Schultze
Annemarie Winther
517 Werke sind dort verzeichnet. 384 Arbeiten sind von Paula Modersohn-Becker, 213 weitere Arbeiten von Künstlern, die zum didaktischen Vergleich mit ausgestellt wurden.
Zum Anliegen der Ausstellung:
Im Dankeswort wird ganz konkret auf die wichtigen Ausstellungen aus dem Jahre 1947 und 1957 Bezug genommen. Es heißt :
„Diese Ausstellung ... geht in ihrer Zusammensetzung nach Umfang und künstlerischem Gewicht, aber auch in der Systematik ihres Aufbaus weit über das hinaus, was im Jahre 1947 in der Kunsthalle Bremen und im Jahre 1957 in der Böttcherstraße in Bremen gezeigt werden konnte. Neben die Abteilung der Gemälde, die allein beinahe das Doppelte des 1957 Ausgestellten, darunter etliche unbekannte Werke, umfaßt, tritt als eine Abteilung eigenen Gewichts die der Handzeichnungen, die in der Zwischenzeit durch die Bearbeitung durch Fräulein Dr. Anne Röver weitgehend wissenschaftlich erfaßt worden ist. Hinzu kommt eine ausgedehnte Abteilung historisch - didaktischer Natur, die Herleitung und Zusammenhang der Kunst Paula Modersohns anhand von Originalen und Wiedergaben deutlich machen soll – nicht um ihre Schöpfungen als von anderen „abhängig" zu „erklären", sondern um sie um so deutlicher in ihrer Besonderheit und eigentlichen Bedeutung vor dem Hintergrund des Ähnlichen, Verwandten oder Vergleichbaren erscheinen zu lassen."
Der Aufsatz Paula Modersohn heute von Günter Busch läßt sich in drei große Abschnitte teilen, die zur aktuellen Ausstellung hinführen.
Rückblick:
Mit Hinweis auf den Ausstellungsort, Bremen, wird darauf hingewiesen, daß das Werk und das Leben von Paula Modersohn-Becker eng mit dem Norden Deutschlands verbunden ist. Der II. Weltkrieg ist unübersehbar als Anhaltspunkt für den „Beginn" von großen Ausstellungen der Künstlerin markiert worden. Die Ausstellungen 1947 und 1957 sind als Anfang einer Entwicklung gekennzeichnet, die den Umfang der Werke von Paula Modersohn-Becker als wesentlich herausstellten.
Mit dem Suchen und Auffinden der Kunstwerke von Paula Modersohn-Becker ist auch das Suchen und Finden eines Platzes in der modernen Kunstgeschichte ihrer Werke verbunden.
Die plastische Beschreibung der Situation ganz unmittelbar nach dem II. Weltkrieg, in der die Kunst wieder ans Tageslicht geholt wurde, wird in dem Abschnitt als neue „Belichtung" angesehen, die der Kunst von Paula Modersohn-Becker zu einer starken Wirkung verhalf und für einen weiteren Erhalt sorgte.
Äußerer Anlaß der Ausstellung und Diskussion über die Bilder:
Die Zeit der beschriebenen Ausstellung, in der Diskussionen über Konsumverhalten geführt wurden, wies ein Spannungsfeld im Bereich des Angebots mit Vertrautem oder Noch - nie - Dagewesenen, Kopien oder Originalen auf. Dieses Geschehen rief Überlegungen im Bereich von künstlerischen und ausstellungsrelevanten Faktoren hervor.
Die philosophischen Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit werden zum Werk von Paula Modersohn-Becker in Bezug gesetzt, um dann über Maßstäbe in der Malerei zu reflektieren.
Zur Kunst von Paula Modersohn-Becker:
„Ihre Kunst ist geradezu, sie meidet die Umschreibung, die Einkleidung. Und doch, oder gerade deswegen, ist sie von ihrer <ersten Bedeutung> her nicht zu begreifen. Das <Dahinter >, die <zweite Bedeutung>, die ohne Sentimentalität an das Geheimnis der Dinge - Gesichter, Gestalten, Früchte, Landschaften - rührt, ist das Eigentliche und Unverwechselbare ihrer künstlerischen Botschaft."
„ Ihre Kunst ist still - ihr „Expressionismus", wenn es denn ein solcher ist, verzichtet auf den Schrei, so wie er auch auf Sozialkritik im Sinne einer Käthe Kollwitz verzichtet......
Ihr Kunst ist dicht, ihre Bilder sind - nochmals - „ mit Ganzheit gesättigt", dies und, auch und gerade in f o r m a l e Bedeutung: Das Gewicht, die Würde und die Gestalt des ganzen Bildes vermögen im Fragment sich zu erhalten, ebenso aber im „Unvollendeten" aufzuscheinen. ... dies erreicht sie nicht durch eine sehr persönliche „Durchformung" der Farbe, die aus dem bloßen Rohmaterial durch den Akt ihrer Malerei in ein Anderes, geistig Wirkendes verwandelt wird."
Die Kunst von Paula Modersohn-Becker war ihrer Zeit voraus. Die Worpsweder Zeit mit ihren Möglichkeiten schuf dazu die Grundlagen und die Parisaufenthalte mit ihren Anregungen ermöglichten einen bahnbrechenden Wandel in ihrem künstlerischen Ausdruck, der sie später zu den Malern der Moderne zählen ließ.
Der letzte Abschnitt nennt das Anliegen der Ausstellung.
„... So bedeutsam geschichtliche Tatsachen, Zusammenhänge, Berührungen, Anverwandlungen oder Parallelen im einzelnen, so klärend und anregend auch die oben gekennzeichnete Aktualität der Künstlerin in Hinsicht auf eine heutige Realitäts - Diskussion sein mögen - der Sinn einer solchen Ausstellung liegt tiefer: Es geht darum, diese Kunst selbst in ihrer Wirklichkeit, in ihrer Wahrheit, in ihrer sich immer mehr eröffnenden Dauer dadurch sichtbar zu machen, daß ihr Werke für einmal wieder nebeneinanderhängen, daß sie sich gegenseitig deuten und in ihrer Aussage steigern. Kunst solcher Art „großer Kunst", um mit Valéry zu sprechen, ist mehr und anders als Exemplum „visueller Kommunikation", sie ist Lebensmacht, unmittelbarer Ausdruck des menschlichen."
In dieser Ausstellung sind in großem Umfang auch Dokumente zum Leben der Künstlerin präsentiert worden.
Im Zentrum der Dokumentation standen Darstellungen von Paula Modersohn-Becker aus der Sicht ihrer Freunde. Die Gemälde und Zeichnungen von Otto Modersohn ließen unbekannte Einblicke in Paula Modersohn-Becker Leben in einfühlsamer und humorvoller Weise erscheinen.
Clara Rilke - Westhoff und Bernhard Hoetger, zwei besonders verehrte Freunde der Künstlerin, haben ihre Kunst, die Bildhauerei, angewandt, um das Wesen von Paula Modersohn-Becker darzustellen. Die entstandenen Büsten wurden gezeigt, um einen möglichst umfassenden Eindruck von der Person Paula Modersohn-Becker zu ermöglichen.
Amateurphotographien und Originalbriefe bildeten den Rahmen der Dokumentation.
Damit unausweichlich verbunden sind auch die Themenbereiche Worpswede und Arbeit im Atelier. Ausstellungsobjekte aus diesem Bereich waren im Anschluß der Dokumentation zu sehen, gleichsam der Kontext ihrer Arbeit.
Im Katalog schließt sich ein tabellarische Biographie an. Ob er in dieser Form in der Ausstellung zu finden war, ist fraglich.
Zu den ausgestellten Werken:
Die Bilder sind dem Zeitstand entsprechend chronologisch aufgeführt. Es wird aber darauf hingewiesen, daß eine zuverlässige Datierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt - 1976 - noch nicht möglich ist. Auch hier ist wieder der Bezug zu Gustav Paulis Werkverzeichnis zu finden.
Die Ausstellung wurde nach Werktechniken in drei Hauptabteilungen gegliedert:
Gemälde - bearbeitet von Günter Busch, Gerhard Gerkens und Bernhard Schnackenburg
Handzeichnungen und Druckgraphik - bearbeitet von Anne Röver
Paula Modersohns Bildthemen, Beispiele zur Herleitung ihrer Bildwelt
Historisch - didaktische Abteilung - bearbeitet von Jürgen Schultze und Annemarie Winther
Es folgt eine Gliederung der Gemälde in:
Frühe Werke, 1897 – 1900
Mit einem knappen einführenden Text - es ist denkbar, daß diese Texte auch in der Ausstellung selbst zu finden waren.
Die von Paula Modersohn-Becker in Berlin besuchte Akademie für Mal und Zeichenkunst, ihre Aufmerksamkeit für den Jugendstil und die Kunst von Heinrich Vogeler und ihre ersten Parisaufenthalte lassen schon in den frühen Werken ihre nach und nach sichtbare Entwicklung zu
formal gründlich durchstudierten Arbeiten sichtbar werden.
Frühe Landschaften (ohne nochmalige Zeitangabe)
In den Jahren von 1899 bis 1901 bildeten sich in direkter Verbindung mit Fritz Overbeck und Otto Modersohn Darstellungen mit „hohem oder abgeschnittenem Horizont" heraus.
Bildflächen werden durch Gräben und Bäume geteilt. Alles wurde in „stumpfem Grün" und „starkem Blau" ausgeführt.
Figurenkompositionen, Bildnisse und Stilleben, 1901 – 1903
Durch Erfahrungen und Kenntnisse aus Worpswede mit Otto Modersohn und Fritz Mackensen und aus Paris mit den Eindrücken von Cézanne oder Gauguin und der Malerei der Nabis bilden sich in dieser Zeit bei Paula Modersohn-Becker drei wesentliche und immer wieder kehrende Bildthemen heraus:
„Figur am Baum"
„Mutter und Kind"
„Stilleben"
Die Stilleben von1903
1903 entstanden viele Arbeiten zum Thema „Stilleben".
„Schwerer im Ton und kompakter in ihrer Konsistenz" als ihre ganz frühen Stilleben, entwickelte die Künstlerin unter Verarbeitung der französischen Kunst ihre ureigene malerische Ausdrucksform.
Figurenkompositionen – Figur am Baum, 1903 – 1904
Ab 1903 erfahren die reinen Landschaftsbilder eine Erweiterung in inhaltlicher und formal - farblicher Hinsicht. Paula Modersohn-Becker macht das Thema
„Figur am Baum" auch zu ihrem. Ihre sich bis dahin entwickelte lockere Malweise kann leicht das ausgewogene Verhältnis zwischen Mensch und Natur und deren Verbundenheit aufnehmen und ausdrücken.
Die Stilleben von 1905
Das Jahr 1905 bringt im Bereich der Stilleben einen Höhepunkt, der sich durch eine Vielzahl großformatiger Werke bemerkbar machte. Im Vergleich zum Jahre 1903 nehmen die Pinselzüge schwungvollere und weitgreifende Formen an. Paula Modersohn-Becker greift die Stilmittel von Cézannes Stilleben auf und geht mit ihnen zu einer „schwereren und erdnäheren" Malerei weiter.
Selbstbildnisse und Bildnisse, 1905 – 1906
Die in der Zeit entstandenen Bildnisse spiegeln wirkungsvoll die besondere Lebenskraft in Bezug zu sich selber und zu Freunden wieder.
„ ... unterstrichen noch durch die sehr feine Malerei und die leuchtende Farbigkeit – ist dieser Charakter im „Selbstbildnis mit Bernsteinkette" (Abb.5) und dem „Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris" zu erkennen.
Bei den Bildnissen wird vom bewußt schönen "Bildnis Clara Rilke – Westhoff" von 1905 über drei Versionen des „Bildnis Lee Hoetger bis zum „Bildnis Sombart" (Abb.7) von1906 eine schrittweise immer stärker werdende Konzentration auf einen möglichst engen Bildausschnitt erkennbar, eine Betonung des Konstruktiven im Antlitz des Menschen und schließlich die Umformung des Gesichtes ins Maskenhafte"."
Die späten Selbstbildnisse, 1906 – 1907
Diese Selbstbildnisse zeigen einen neuen Ansatz. Es sind oft Verallgemeinerungen zu finden, die dadurch auch einen größeren Zusammenhang ansprechen.
Z.B. Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag (Abb.8) Die späten Akte und die späten Figurenkompositionen, 1906 – 1907
Gustav Pauli und Carl Georg Heise werden zitiert.
Pauli zum Bild Kniender Akt mit Kind (Abb.9)
„In ihm sehen wir noch einmal alles zusammengefasst, was erhebend und hemmend in Paula Modersohn wirksam war, ihre Größe, ihre Feinheit, ihre Mystik, ihre Weiblichkeit und ihre Kindlichkeit. ...Die malerische Behandlung ist breit und leicht, beschwingt von einem Gefühl der Andacht, das im Gemüte des Beschauers sein Echo findet."
Heise zum Einfluß der Franzosen:
„...Aber Gauguin wie Cézanne haben ihr nur die Augen geöffnet, ..... Sie setzt dem französischen Esprit, den sie bewundert, doch auch in seinen Gefahren erkennt, unbeirrbar ihre eigene, sehr deutsche, schwerblütige Empfindung entgegen, ihr <Gefühl>, das ihr über alles geht - Stärke und Grenzen ihrer Meisterschaft bezeichnend."
Die Bemerkung, daß die in der Wirklichkeit behafteten Betrachter leicht die entgegengesetzte Stimmung der Gemälde aufnehmen können, leitet zu den Zeichnungen über.
Es folgt der Abschnitt Handzeichnungen und Druckgraphik:
Zu den Zeichnungen von Paula Modersohn-Becker:
Frühe Landschaften und Interieurs 1896 – 1897 Berlin, Bremen und Worpswede.
Reine Landschaftsdarstellugen als Handzeichungen sind kaum zu finden (im Katalog sind acht aufgeführt). Sie sind an die Zeit der Mal - und Zeichenschule in Berlin und die erste Zeit in Worpswede gebunden.
Frühe Bildnisse 1896 – 1897 Berlin und Worpswede
Sie entstanden auch im Zusammenhang mit der Ausbildung in Berlin in der Mal- und Zeichenschule des Vereins bildender Künstlerinnen. Dort war es zu der Zeit noch üblich, den Lernenden das Anliegen der offiziellen französischen und deutschen Malerei nahezubringen.
Frühe Aktzeichnungen 1897 – 1898, Berlin
Entstanden überwiegend in dem belegten Zeichenkurs für Aktdarstellungen. Dort ging es nicht vorrangig um das Kennenlernen der Anatomie des menschlichen Körpers, sondern um eine einzige großformatige Darstellung des jeweiligen Aktes.
In den Darstellungen ist zu der Zeit eine erste Wandlung erkennbar. Licht und Schatten werden mit Kohle sichtbar gemacht, so daß die Körperpartien zunächst ohne scharf trennende Linien ineinander übergehen. Nachträglich sind dann die Körperpartien mit einer Bleistiftlinie begrenzt worden.
Bildnisse, figürliche und Sachstudien sowie Akte, 1898 – 1899, Berlin und Worpswede
„Die Entwicklung vom tonigen zum linearen Zeichenstil ist auch an den wenigen Bildnissen (Kat. – Nr. 235), den Sachstudien (Kat. – Nr. 236) und den figürlichen Studien (Kat. – Nr. 237 ff.) abzulesen, mit denen Paula Becker zahlreiche Skizzenbücher, aber auch Einzelblätter in Berlin bis zum Frühjahr 1898 und in Worpswede seit dem Herbst 1898 füllte...."
Bildnisse Worpswede, 1898 – 1899
Paula Modersohn-Becker nimmt Unterricht bei Fritz Mackensen. Es entstehen einige großformatige Darstellungen, die ihren bisher erarbeiteten Erfahrungs - und Wissensstand der zeitgenössischen Kunst fallen ließen.
Kinderakte Worpswede, 1899 – 1899
In den Kinderakten ist eine Entwicklung von Mackensens Unterricht weg hin zur Eigenständigkeit auszumachen. Modelle findet sie im Armenhaus von Worpswede.
„Ich glaube, ich werde mich von hier fort entwickeln." (aus einem Brief an die Familie vom 12.2.1899)
Worpsweder Landschaften, 1898 – 1899
Die Entwicklung, welche in den Kinderakten zu finden ist, wird auch in den Landschaften sichtbar. Die Hinwendung zur schlichten aber bestimmenden Ausdrucksform wird umgesetzt. Dabei fehlt der Horizont, und die Räumlichkeitsillusion ist nicht enthalten. Figuren stehen oder sitzen „bildflächenparallel" vor der Landschaft.
Vorzeichnungen zu graphischen Blättern 1898 – 1899, Worpswede
Entwürfe für Gebrauchsgraphik, 1898 – 1899
„Bereits in Berlin hatte Paula Becker sich an einer „Konkurrenz" für Gebrauchsgraphik beteiligt: „Verlangt wurde eine Serie von sechs Karten in der Größe von 7 – 14 cm. Ich habe sechs Mädchenköpfe mit stilisiertem Blumenhintergrund geliefert. ....Man lernt bei der Ausstellung, wie man es hätte machen sollen" (Brief vom März 1898 aus Berlin an die Familie)"
Nachzeichnungen
Bunzlauer Skizzenbuch, Paris, 1903 bis 1905/06
Im Jahr1903 fährt Paula Modersohn-Becker wieder nach Paris. Während des Aufenthaltes widmet sie sich vor allem dem Figurenstudium. Sie besucht den Louvre und das Musée de l´homme und das Musée Cluny . Arbeiten von Goya, Rembrandt oder Cranach regen sie zu Nachzeichnungen an. Auch Skulpturen aus der Antike wecken zunehmend mehr ihr Interesse.
Dieses Interesse an künstlerischen Überlieferungen hielt die Künstlerin im ersten „Bunzlauer Skizzenbuch" fest.
Aktstudium, Paris, 1900 – 1906
Neben Nachzeichnungen im Alleingang nimmt Paula Modersohn-Becker in Paris auch Zeichenunterricht an den privaten Kunstakademien Cola Rossi und Julie. Eng damit verbunden war der Anatomieunterricht an der staatlichen École des Beaux - Arts. Die in dem Zusammenhang entstandenen Skizzenbücher wurden später auseinandergenommen.
Modellaktzeichnungen
Die Zeichnungen geben die Anatomie menschlichen Körper wieder. Dazu blieben die Modelle in ihrer angewiesenen Stellung, bis die Übung beendet waren. In den Arbeiten sind malerische Effekte nur selten zu finden.
Croquisaktzeichnungen
Dies sind variantenreiche Arbeiten, an denen zu erkennen ist, daß die Modelle oder die Lernenden nach gewissen Zeitabständen ihre Stellung änderten.?
Es ging darum, die schnelle Auffassungsgabe zu üben.
Pariser Figurenstudien und Strassenszenen, 1906
Nach einigen Parisaufenthalten fertigt Paula Modersohn-Becker diesmal Skizzen und Zeichnungen an, die das Pariser Leben betreffen.
Die Motive hat die Künstlerin wohl nach formalen Aspekten ausgewählt, so daß Stimmungen nicht festgehalten wurden.
Worpswede, 1900 – 1905
In dieser Zeit hat sich Paula Modersohn-Becker in ihren Zeichnungen auch Themen des Jugendstils, in denen unter anderem Märchen eine Rolle spielen, gewidmet.
Als neuer Bildgegenstand werden Kinder in den verschiedensten Varianten thematisiert.
Werke der letzten Lebensjahre, 1905 – 1907
Analog den Gemälden weisen die Zeichnungen der letzten Lebensjahre eine Entwicklung zur Vereinfachung auf. Gleiches gilt für das Hinzufügen von Attributen wie z.B. Früchte und Blumen. Es entstanden auch viele Selbstbildnisse, die jedoch nicht den dominanten Eindruck der Gemälde hinterlassen.
Radierungen
Die Radierungen sind hauptsächlich in den Jahren um 1899 bis 1902 entstanden. Anstoß zu dieser künstlerischen Technik kam aus dem Worpsweder Kreis. Heinrich Vogeler steht in dem Zusammenhang als wegweisende Persönlichkeit.
Der nächste Katalogteil widmet sich
PAULA MODERSOHNS BILDTEMEN
„ Dieser Teil der Ausstellung soll den Überblick über das Werk Paula Modersohn-Beckers erläutern und kommentieren, indem er ihm ausgewählte Gruppen von Vergleichsbeispielen zur Seite stellt. Die Gruppen sind nach Bildthemen geordnet."
Die Vergleichsbeispiele geben Einblick in die „kunstgeschichtliche Wurzeln" von Paula Modersohn-Beckers
Arbeiten. Es wird auf zwei grundsätzliche Richtungen hingewiesen.
Es sind die Freilichtmalerei mit Heimatkunstbewegung und der Worpsweder Malerkolonie und Symbolistische Kunst mit der Malergruppe der NABIS.
Auch in diesem Abschnitt der Ausstellung wurde wieder nach Themengruppen analog den vorherigen Bildthemen gegliedert.
Es sind:
Bildnis
Akt
Kinderdarstellungen
Mutter und Kind
Bäuerliches Leben
Leben in der Natur – Idylle, Märchen
Figur am Baum
Landschaft
Stilleben, Tierdarstellungen
Zu jedem Abschnitt wurde ein kurze Einführung gegeben.
Zum Schluß dieses Abschnittes steht ein Künstlerverzeichnis. Es folgt ein letzter Bildteil.
Die im Katalog erschienen Werke wurden mit umfangreichen Informationen festgehaltenen.
Z.B. (Abb.10)
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MÄDCHENKOPF VOR EINEM FENSTER Abb. 15 u.a.d. Umschlag (Det.)
Schiefer, auf Leinwand geklebt, 49,3:49,5 cm;unbez.
Pauli 104
Die sehr feine Malerei und die lichte farbige Haltung geben dem Bild eine Ausnahmestellung im Werk der Künstlerin. Die zarten Kritzelspuren könnten darauf deuten, daß das Bild um 1902 entstanden ist.
Literatur: Stelzer 1958, Abb.16 – Briefe und Tagebuchblätter 1966, Abb.
bei S. 17
Ausstellungen: Bremen 1947, Kat. – Nr.
Privatbesitz
Laufende Nummer
Bildname/Bezeichnung
Abbildungshinweis
Malgrund
Maße
Signatur
Hinweis auf die Monographie von Pauli
Entstehungszeit mit Werkzusammenhang
Literatur
Ausstellungen
Provenienz
Nordsee – Zeitung, Bremerhaven, 14. Februar 1976, Günter Bastian
„ Bis zum 4. April zeigen die Bremer Kunsthalle und die Böttcherstrasse das Werk von Paula Modersohn-Becker. Die Ausstellung zum 100. Geburtstag der in Dresden geborenen und in Worpswede gestorbenen Malerin vereinigt in der Kunsthalle am Wall mit etwa 250 Werken nahezu die Hälfte des gesamten malerischen Oeuvres der Künstlerin. Daneben sind 150 Zeichnungen zu sehen, ein beachtlicher Ausschnitt aus dem grafischen Werk von Paula Modersohn-Becker. Die systematische Ausstellung von Gemälden, Handzeichnungen und Druckgraphik mit einer kunstgeschichtlichen historisch- didaktischen Abteilung belegt nahezu das ganze Erdgeschoß der Kunsthalle; die Böttcherstraße zeigt zugleich eine Dokumentation über den Lebensbereich der Künstlerin. Dies ist die bisher größte Paula Modersohn-Becker- Ausstellung.
Nach den Worten von Kunsthallendirektor Dr. Günter Busch, der als vorzüglicher Kenner des Werkes der Malerin gilt, dürfte diese Bildschau auch in Zukunft nicht übertroffen werden; es wird, so Dr. Busch, in Zukunft immer schwieriger, die Bilder von ihren Eigentümern zu trennen. Der nahezu auf die Ausmaße eines Handbuchs gebrachte Katalog nennt rund 40 private und öffentliche Leihgeber, darunter auch das Wuppertaler Von - der - Heydt - Museum, einen der wichtigsten „Lieferanten" dieser Ausstellung. ... Diese Ausstellung hat weder etwas mit Heimattümelei a´ la Bremen – Worpswede zu tun, noch nutzt man den 100. Geburtstag in Zeiten der Nostalgie dazu, das <unvollendete> Werk einer eigentlich zu früh Verstorbenen vor Augen zu führen. Natürlich profitiert die Kunsthalle vom gegenwärtigen neuen Realismus der Kunstszene, der ihr sicherlich eine gewaltige Besucherzahl zuführen wird. Doch die Beschäftigung mit Paula Modersohn-Becker ist in Bremen eine wissenschaftliche und keine spekulative Angelegenheit.
Paula Modersohn-Becker wird im Spannungsfeld der großen Kunstgeschichte gesehen, zu der sie mit etlichen ihrer späten Werke sicherlich gehört. Die Ausstellung zeigt diesen eigenen Standort im Vergleich zu den Anregern Cézanne, Gauguin, Van Gogh und vor den deutschen Expressionisten. Vor allem zeigt sie auch, wie Paula Modersohn-Becker Worpswede, das sie so liebte, und die „Worpsweder" malerisch überwand. ... Paula Modersohn-Becker hat bei mancher qualitativen Einschränkung im Einzelfall, stilistisch Dinge vorweggenommen, die nach ihrem Tode in der Malerei Europas eine Rolle spielten. Die Bremer Ausstellungen führen das eindrucksvoll vor Augen."
Kölnische Rundschau 1976
„... Die Kunsthalle Bremen zeigt in einer ungewöhnlichen umfangreichen Ausstellung fast die Hälfte des Gesamtwerkes der Künstlerin ... Neben den Gemälden präsentiert das Bremer Museum Zeichnungen und Graphik von Paula Modersohn sowie - ein historisch - didaktischer Vergleich- 120 Originalwerke künstlerischer Zeitgenossen wie Cezanne und van Gogh ..."
Zusammenfassung – Auswertung
Zum Zeitpunkt der siebziger Jahre, ist eine gewaltige Veränderung in der Ausstellungsintention in der musealen Präsentation von Werken der Paula Modersohn-Becker zu bemerken. Der äußere Anlaß, der hundertste Geburtstag der Künstlerin, fällt mit einem Aufschwung an Interesse der wissenschaftlichen Bearbeitung der Kunst und der Person von Paula Modersohn-Becker zusammen.
Günter Busch, der seit 1950 Direktor der Kunsthalle Bremen war, wird von der Kunstkritik als der Experte für die Kunst von Paula Modersohn-Becker genannt.
Die Ausstellung fand an zwei Orten in Bremen statt, in der Kunsthalle Bremen und in der Böttcherstrasse.
Die Ausstellung wurde vom Kunstverein Bremen und der Böttcherstraße GmbH geplant und realisiert. Dieser Prozeß wurde durch eine Arbeitsgruppe ermöglicht.
Das Anliegen der Ausstellung war, das Gesamtwerk so zu präsentieren, daß die Bilder untereinander und mit dem Publikum kommunizieren können, um die Kunst in ihren großen und kleinen Zusammenhängen zu erläutern.
Mit dem Anliegen wurde der Absicht nachgegangen, Vergangenheit und Gegenwart vermittelnd zu verbinden. Der informelle Charakter einzelner Bereiche und Abteilungen gab dabei eine Orientierung vor.
Eine Dokumentation in Form von Briefen, Photos und Texten führte die Besucher nahe an die private Lebensweise der Künstlerin heran.
Zeitgenössische Künstler erhoben die Künstlerin zu ihrem künstlerischen Thema (in welcher Form ist dem Katalog nicht zu entnehmen) und Kinder, die nur allzu oft Thema in der Kunst von Paula Modersohn-Becker sind, hatten die Künstlerin in und mit farbenfroher Lebensfreude im Vorfeld gemalt und ihre Bilder nun ausgestellt. Die Person Paula Modersohn-Becker und ihr Lebensinhalt, die Malerei, erhielten in ihrer Anerkennung dadurch bunte Ergänzungen.
Der vermittelnde Charakter wurde auch in den Kritiken behandelt.
Die sehr detaillierte Besprechung der Aspekte in Kunstgeschichte, Literatur, museumsrelevanten Inhalten und Kontexten zeigt den direkten Bezug zur Zeit der siebziger Jahre. War es nicht auch die Zeit des psychologischen Blickes?
Die Ausstellung hat auf Bekanntes zurückgegriffen, z.B. werden die Interpretationen von Gustav Pauli als noch gültig aufgenommen, ebenso die Betrachtungen von Carl Georg Heise. Die Tagebücher und Aufzeichnungen von Paula Modersohn-Becker geben die unanfechtbarsten Beweggründe und Erklärungen zu ihren Arbeiten.
„ Ich fühle eine innere Verwandtschaft von der Antike bis zur Gotik – hauptsächlich von der frühen Antike – und von der Gotik zu meinem Formempfinden."
„Das sanfte Vibrieren der Dinge muß ich ausdrücken lernen. Das Krause in sich. Auch in der Zeichnung muß ich dafür den Ausdruck finden; in der Art, wie ich hier in Paris meine Akte zeichne, nur noch originelle und dabei feinfühlig beobachtet Das merkwürdige Wartende, was über duffen Dingen schwebt, das muß ich in seiner großen, einfachen Schönheit zu erreichen streben. Überhaupt bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben"
Die historisch – didaktische Abteilung konfrontierte das Publikum in spezieller Weise mit dem kunsthistorischen Anspruch der Ausstellung.
Der Bezug zur aktuellen Kunst wird als Herausforderung formuliert.
„Hier ist einer Paula Modersohn-Becker ungeahnte Aktualität zugewachsen. Denn an ihrem Werk läßt sich wie an dem kaum eines anderen Künstlers der Moderne auf exemplarische Weise erfahren und erproben, was es mit dem Gehalt an Wirklichkeit und an Wahrheit in den so verschiedenen Kunstäußerungen unserer Epoche und unserer Tage auf sich hat."
Der Katalog verfolgt einen hohen wissenschaftlichen Anspruch, und für den Laienbesucher ist die Fülle der Informationen erschlagend.
Im Jahr 1977 wurde im Berliner Schloß Charlottenburg die Ausstellung „Künstlerinnen international 1877 –1977" gezeigt. Auch Paula Modersohn-Becker war eine der dort vertretenen Künstlerinnen.
Dies zeigt, daß in den siebziger Jahren neben den bisherigen Ausstellungsabsichten, ein neues Thema öffentlich diskutiert und bekannt gemacht wurde:
Paula Modersohn-Becker war eben eine Frau! Es wurde mit Erstaunen vermerkt, daß sie eine Frau im öffentlichen Kunstraum war.
Hin und wieder spielte dies in den Katalogen und Kritiken eine Rolle, jedoch nicht unter dem Aspekt der feministischen Kunstgeschichte.
VIII. Die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker bleiben im Museum - das Ende des 20. Jahrhunderts
1. Zeitstimmung
Ganz klar und unübersehbar sind die neunziger Jahre geprägt von dem neuen Zusammenleben der Menschen in Ost und Westdeutschland als Bundesrepublik Deutschland. Es kam und kommt zu Konflikten auf allen Ebenen. Fremde
Geschäfts - und Lebensweisen stoßen frontal aufeinander. Andererseits sind Konflikte für eine Weiterentwicklung nötig.
Viele Menschen wünschen sich ein besseres Kennenlernen durch Zuhören, Verstehen oder Akzeptieren.
In materieller Hinsicht ist es den Menschen in der BRD noch nie so gut gegangen. Doch die Gesellschaft ist so strukturiert, daß oft ein Gefühl von Sinn und Ziellosigkeit aufkommt. Wissenschaft, Technik und Industrie fördern die Grenzverschiebung des Möglichen, alles scheint möglich und machbar. Den Menschen fehlt es dadurch oftmals an Orientierung. Dieser Werdegang ist auch in der Kunst zu finden. Sie wird in zunehmendem Maß als ein Konsumgut in die Wirtschaft integriert. Der Begriff der Unterhaltung spielt da mit hinein. Auch im Bereich der Museen gehen die Diskussionen weiter, bilden oder unterhalten, das ist hier die Frage. Das eine schließt das andere ja nicht aus.
Es fehlt zu dieser Zeit die Distanz, um deuten oder einordnen zu können.
2. Ausstellung 1997 im Paula Becker – Modersohn – Haus
Im Jahr 1997 sind es zwei Gesamtausstellungen in Bremen und in München, die eine neue Bedeutung für den Museums - und Ausstellungsbereich aufzeigen.
Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog, der
von der Paula Modersohn-Becker - Stiftung in Bremen herausgegeben wurde.
Die Katalogzusammenstellung lag in den Händen von: Günter Busch,
Milena Schicketanz,
Wolfgang Werner
Die Ausstellung planten und realisierten:
Maria Anczykowski,
Günter Busch,
Wulf Herzogenrath,
Wolfgang Werner
Der Katalog hat ein Format von 220x278 mm mit 172 Seiten und 139 verzeichneten Werken.
Die Ausstellung fand vom 23.Oktober 1996 bis 6. April 1997 im Paula - Becker - Modersohn - Haus in der Böttcherstrasse in Bremen statt.
Der äußere Anlaß dieser Ausstellung waren Baumaßnahmen, denn die Kunsthalle in Bremen mußte auf Grund umfangreicher Bauarbeiten für längere Zeit geschlossen werden. So kam die Idee auf, die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker aus den drei Bremer Sammlungen, Kunsthalle Bremen, Kunstsammlung Böttcherstrasse und der Sammlung der Paula Modersohn - Becker - Stiftung, an einem Ort auszustellen. Das Paula - Becker- Modersohn - Haus in der Böttcherstrasse war dafür geeignet.
In der Einleitung des Kataloges wird ein Bogen gespannt, der mit Paula Becker beginnt und mit Paula Modersohn-Becker als Künstlerin und „unverwechselbare, schöpferisch Persönlichkeit" endet. Ausgefüllt wird der Bogen mit Namen und Daten, welche die Geschichte von Paula Modersohn-Becker erzählen. Es sind Stationen und Namen wie, Dresden - „Brücke" - Ernst- Ludwig Kirchner - Bremen - Worpswede - Fritz Mackensen - Arthur Fitger - Otto Modersohn - Gustav Pauli - Ludwig Roselius - „Paula Modersohn – Becker - Haus" - Günter Busch - Graphisches Kabinett in Bremen - Tille Modersohn - Paula Modersohn - Becker - Stiftung .
Hier wird bereits sichtbar, daß dem musealen Aspekt eine Rolle zugewiesen wird. Das heißt das Thema Funktionen von Museen wird öffentlich diskutiert. Mit ihren unterschiedlichen Ausstellungen vermitteln sie ihr Anliegen der Öffentlichkeit. Die Kunstausstellungen geben vielfältige Informationen zur jeweiligen Kunstrichtung.
Der spezielle kunsthistorische Aspekt wird wohl durch die Ausstellung von 1976 und weiteren Veröffentlichungen zur Person von Paula Modersohn-Becker vorausgesetzt.
Wichtig werden hier die drei Bremer Sammlungen, die Sammler und Förderer der Kunst von Paula Modersohn-Becker. Im Katalog sind auch erstmals Hinweise auf Ausstellungsräume und Präsentation der Arbeiten in Dauerausstellungen durch Fotos enthalten.
Der museale Aspekt wird durch die anschließenden Aufsätze unterstrichen. Da ist zunächst der Aufsatz vom jetzigen wissenschaftlichen Direktor der Bremer Kunsthalle Wulf Herzogenrat.
„Paula Modersohn-Becker und die Kunsthalle Bremen – die ersten beiden Jahrzehnte" von Wulf Herzogenrat
Der Aufsatz thematisiert die Beziehung der Künstlerin zum Museum Kunsthalle Bremen.
Angefangen vom ersten Besuch Paulas im Museum und damit verbunden die erste Begegnung mit den Künstlern in Worpswede, über die erste Teilnahme der Künstlerin an einer Ausstellung in der Kunsthalle Bremen bis hin zu den Ausstellungen von 1908 und 1913.
Damit verbinden sich gleichzeitig Hinweise zu Eindrücken jeweiliger Ausstellungen von der Künstlerin selbst, von Arthur Fithger, von Carl Vinnen und von Gustav Pauli.
Abgeschlossen wird der Artikel mit dem Hinweis auf die wichtige Publikation „ Eine Künstlerin – Paula Becker – Modersohn, Briefe und Tagebuchblätter", die von der Kestner-Gesellschaft im Jahre 1920 herausgegeben wurde.
Der nächste Aufsatz :
„Ludwig Roselius, das Paula - Becker - Modersohn - Haus und seine Sammlung" von Maria Anczykowski
Hier sind die Kunstsammler und der Aspekt des Kunsthandels zum Thema gemacht worden.
Als erste leidenschaftliche Sammler von Werken der Paula Modersohn-Becker werden Herbert von Garvens - Garvensburg, August von der Heydt und Bernhard Hoetger erwähnt. Die Beziehung zu Bernhard Hoetger beschreibt der Artikel detailierter.
B. Hoetger, der Paula Modersohn-Becker persönlich kennenlernte und im letzten Lebensabschnitt mit der Künstlerin im Gespräch gewesen ist, erwarb nach ihrem Tod wesentliche Werke.
Der Kaufmann Ludwig Roselius, war ganz besonders von den Arbeiten Paula Modersohn-Beckers angetan und kaufte von Hoetger einen wesentlichen Teil seiner Sammlung. Diese Sammlung wollte Roselius der Öffentlichkeit in einem außergewöhnlichen Rahmen zugänglich machen. Es entstand die Idee des Paula - Becker - Modersohn - Hauses. Durch den Entwurf von Hoetger wurde die Idee umgesetzt.
„...genau am 2. Juni 1927 wurde in der Böttcherstraße ein Haus eröffnet, das, dem Andenken der verehrten Künstlerin gewidmet, Paula Modersohn-Beckers malerisches und zeichnerisches Lebenswerk der Öffentlichkeit präsentierte: das von Roselius so genannte Paula - Becker - Modersohn - Haus . Es war das sichtbarste Zeugnis einer Wandlung in der Wertung des künstlerischen Nachlasses, die sich nach dem Tode Paula Modersohn-Beckers nur sehr zögernd und schrittweise vollzogen hat."
Der nächste Schwerpunkt weist auf eine Veröffentlichung von Walter Müller - Wulkow hin, welche die Unterbringung und die Art der Präsentation der Werke von Paula Modersohn-Becker beschreibt. Er wurde unter dem Titel „Bernhard Hoetgers Paula - Becker - Modersohn - Haus in der Böttcherstrasse in Bremen" 1927 verfaßt.
Der Artikel endet mit der Situation in der Zeit des Nationalsozialismus.
Die beiden ersten Artikel finden ihren Zusammenhang im abschließenden Artikel.
„Zum Werk von Paula Modersohn-Becker"
von Günter Busch
Der Aufsatz zeigt die künstlerische Entwicklung und Entfaltung der Künstlerin an Hand von Werkbeispielen und Zitaten aus den Briefen und Tagebüchern auf.
Es wird der Frage nachgegangen: Wie kam es zu der eigenen Kunst von Paula Modersohn-Becker?
Es stehen zunächst Orte und Namen ihrer ersten Malunterweisungen. Weiter geht der Artikel auf das Studium in Worpswede ein, mit dem Maler Fritz Mackensen und dem Einfluß des Jugendstils durch Heinrich Vogeler. Die in dem Zusammenhang entstandenen Gebrauchsgraphiken spielen eine untergeordnete Rolle in ihrem Gesamtwerk. „So besitzen diese Versuche allenfalls als Dokumente ihrer Biographie und der Zeitstimmung Gewicht." ...
„So sehr sie die Stille und die Größe der Worpsweder Natur liebte und glücklich war, der Stadtwelt, ob in Bremen oder in Berlin, entronnen zu sein, so sehr wuchs in ihr „mein stillster, sehnlichster Wunsch. ... und in der Ferne glüht, leuchtet Paris!" Keiner der konventionellen Studienorte in Deutschland, nicht München, Düsseldorf oder Dresden, und schon gar nicht der italienische Süden, der für Generationen von deutschen Kunstjüngern das Traumziel gewesen war. Paris war für sie und ihre Altersgenossen zum unbezweifelten Zentrum der aktuellen künstlerischen Auseinandersetzungen geworden. So fuhr sie denn in der Silvesternacht zum neuen Jahrhundert ihrem Schicksal entgegen."
Die Werke, die in der Ausstellung zu sehen waren, werden weiter an Hand der Biographie beschrieben. Der erste Parisaufenthalt mit den Eindrücken von z.B. Cézanne und den Kursen an der Privatakademie Colarossi und die dort entstandenen Aktstudien, Stilleben , Bildnisse oder auch das Bild Blick aus dem Atelierfenster sind auch erwähnt.
Als Paula Modersohn-Becker im Sommer 1900 nach Worpswede übersiedelte, erhält das Bildthema „Landschaft" einen neuen Schwerpunkt.
Der nächste Themenschwerpunkt des Artikels Landschaft und Figur zeigt die Entwicklung zu diesen zentralen Themen der Künstlerin. Als wegweisend hervorgehoben werden die Werke Zwei nackte Kinder am Ufer hockend (Abb.11) von 1902, Don Quichote (Abb.3) von 1900 und der Jahrmarkt am Weyerberg (Abb.12) von 1902. Sie werden mit „kreatürliche Existenz der Kinder in der Natur", „drastische Wirklichkeit" und „..aus einem spontanen Augenerlebnis ... ins unwirklich Märchenhafte" beschrieben und charakterisiert.
Als nächster Themenbereich sind die Kinder - und Figurenbilder in der Zeit von 1902 bis 1905 aufgenommen worden. Es wird an Beispielen der Frage „Weshalb denn hat sie immer „so häßliche, so blöde" Kinder gemalt und gezeichnet?" mit Hinweis auf die damals im Umbruch befindliche Seelenkunde, die ganz allmählich ins Bewußtsein der Gesellschaft rückte, erörtert. Dabei schafft der eingeflochtene Vergleich zwischen den Arbeiten von Paula Modersohn-Becker und den Arbeiten männlicher Künstler des Expressionismus eine Verbindung zu den siebziger Jahren mit ihrer Seelenkunde. Zu dieser Zeit erhielt die Frauenbewegung einen Aufschwung. Der Vergleich zeigt, daß es vielleicht eine typisch weibliche Kunstäußerungen gibt.
„Sie erkannte die ungeschönte und ungetrübte Wahrheit zuerst im Kinde ... . Sie fand diese Wahrheit bei den Worpsweder Bauernkindern gleichsam leicht, nur wenig versteckt unter Oberflächlichem, das sich bei längerem Posieren alsbald von selbst verlor. Sie fand es dann auch bei den Alten aus dem Armenhaus, aus deren Gesichtern die Mühsal des Lebens alle konventionellen Züge getilgt hat.
Etwas Eigentümliches kommt endlich hinzu, was diese Malerin von ihren männlichen Kollegen des kommenden Expressionismus von Grund auf unterscheidet. Dieses Finden der „Schatten", die nach einem Wort von Edvard Munch jetzt „an der Reihe" seien, vollzog sich bei ihr ohne Gewalt, unspektakulär – leise. Sie entblößt nicht, wo sie den Blick öffnet, sie zerrt nicht ans Licht. .. Sie fragt eher, als daß sie statuiert. Vielleicht deshalb ist das „Ärgernis" ihrer Bilder ungemindert geblieben."
Besonders hervorgehoben ist das Bild Worpsweder Bauernkind auf dem Stuhl ( Abb.6). Zu Zeiten des Nationalsozialismus als „entartet" verboten, steht es hier als Beispiel für die markante Darstellungen von Kindern und Figuren überhaupt, in denen die Künstlerin ihre Wahrnehmung der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung äußerte.
In Worpswede war es hauptsächlich die Landbevölkerung, die thematisiert wurde. Der Abschluß dieses Themenbereichs wird mit einer neuen Wertung der Landbevölkerung abgeschlossen.
„Die Alte Frau mit Taschentuch (Abb.13) ... gibt das Bild des Alters in lapidarer Beschränkung auf die wesentlichen Merkmale, die ein langes Arbeitsleben in ein Antlitz geschrieben oder den schweren, gichtigen Händen „angetan" hat. Da ist die von der Künstlerin berufene „Runenschrift", die ohne folkloristische Anspielung oder gar Heroisierung die Wahrheit und die geheime Größe der Bäuerlichen Existenz gegenwärtig macht."
Bildnisse – Selbstbildnisse
Das Anliegen die Beziehungen zwischen Person - Künstlerin – Werk – Zeit aufzuspüren, bekommt in diesem Abschnitt eine Wendung zu Fragen der Persönlichkeitsfindung.
Es wird davon ausgegangen, daß die Hinwendung zu Lebenspartner, Freunden und der eigenen Person den künstlerischen Ausdruck ihrer Werke in ganz unterschiedlichen Formen bestimmten.
Beispiele sind die Bildnisse von Otto Modersohn, Frau Lee Hoetger oder Werner Sombart und die Vielzahl der Selbstbildnisse.
„Bei Paula Modersohn-Becker gewinnt die Fülle der Selbstbildnisse überdies einen besonderen Aspekt aus der Tatsache, daß sie eine Frau war. So wie sie hat nur eine andere Frau auf verschiedenen Stufen ihres Künstlerlebens für sich immer wieder neu die Summe menschlicher und künstlerischer Erfahrung in Selbstdarstellungen höchsten Ranges gezogen: Käthe Kollwitz, ...
So waren Paulas künstlerische Bemühungen und ihre vielen Selbstbildnisse ... ursprünglich auch Zeugnisse einer frühen Emanzipation, in denen sich Selbstbiographisches, Zeittypisches und im eigentlichen Sinne Künstlerisches unlösbar mischen."
Stilleben
Bevor einzelne Werke besprochen werden, wird der Zusammenhang zwischen diesem Bildthema und dem Gesamtwerk hergestellt.
„Sie hat etwa siebzig Stilleben hinterlassen, die, anders als die Mehrzahl der Landschaften, fast alle sorgsam „durchgemalt", keineswegs rasch hingeschriebene Formulierungen geworden sind. ... Gewiß bedeutete für sie dieses Bildthema, das sich von 1900 an zuerst nur gelegentlich in ihrem Werk findet, von 1903 an aber immer häufiger erscheint, ursprünglich ein jederzeit verfügbares Erprobungsfeld für ihr Handwerk, für spezielle technische, formale oder farbliche Probleme - nicht zuletzt waren die dafür benötigten Modelle geduldiger (und auch billiger) als andere."
Über einen kunsthistorischen Exkurs zum Thema Stilleben mit Vergleichen zu den französischen Malern der damaligen Zeit, führt der Artikel hin zu den Unterschieden, die das Neue in den Stilleben von Paula Modersohn-Becker hervorbringen.
„Paula Modersohn kennt kein handliches Rezept, das dem jeweiligen Thema einen gefälligen Rahmen böte, Sie sieht und ergreift die Dinge. Als wären sie von niemandem zuvor in ihrer innersten Substanz erkannt."
Paris 1906 – 1907
In dem Abschnitt tauchen zwei vorherige Themen erneut auf: Bildnis und Selbstbildnis. Es wird herausgestellt, daß diese Werke in der genannten Schaffenszeit eine neue Qualität erhalten. Als Beispiel werden die Bildnisse von dem Nationalökonomen, Soziologen und Philosophen Werner
Sombart (Abb.7), Lee Hoetger und der Armenhäuslerin mit Flasche (Abb.13) angeführt.
„ Die Reduktion der Gesichtszüge auf wenige mathematische Grundformen, die hier so weit getrieben ist wie nie zuvor, der Ausdruck maskenhafter Verschlossenheit, das hitzige Rot der Randungen nach dem Vorbild van Goghs und die düstere Verfremdung des Gesichts überhaupt - das alles sind Darstellungsmittel, die gewiß nicht als Selbstzweck vorgetragen werden, sondern dazu dienen, den stumm sprechenden Ausdruck des Portraitierten (Werner Sombart) und die Aussage des Bildes im Ganzen zu übersteigern."
Auch hier steht das Bild Selbstbildnis am sechsten Hochzeitstag (Abb.8) als Beginn einer geänderten Selbstbefragung.
„ Ebensowenig geht es der Künstlerin um eine gesellschaftskritische Bewertung des Körperlichen wie bei Otto Dix und noch bei Francis Bacon – alles Moralisieren ist ihrer Kunst fremd. Es geht allein darum, das „Kreatürliche" des Menschen zu zeigen – unpolemisch und unaggressiv."
Neu hinzu kommen in dieser Zeit die Kinderakte, einzeln oder mit Mutter. An diesen Beispielen werden die Fragestellungen der Künstlerin diskutiert.
„Recht besehen aber hat sie sich immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt, wie verschiedene Bildelemente in ein Spannungsverhältnis zueinander und in einen kompositionellen Ausgleich innerhalb von Bildfläche und Bildraum zu bringen wären. Das war bei den Worpsweder Landschaften schon der Fall und wird endlich bei der Betrachtung der Stilleben wieder deutlich werden. Szenisches Geschehen, große Begebenheiten, Handlung waren nicht das, was sie in ihrer Kunst suchte, wohl aber die Vergegenwärtigung von Kräften in Schildern von reiner Zuständlichkeit. Das zeigen die großen Figuren in der Landschaft oder etwa die Darstellungen von Mutter und Kind, von zwei Kinderköpfen in engerem Bildgeviert."
Letzte Bilder, 1907
Zwei Bilder werden exemplarisch besprochen: Alte Armenhäuslerin mit der Glasflasche (Abb.14) und Stilleben mit Sonnenblume, Stockrose und Georginen. Als Bildergruppe werden erwähnt die drei Werke mit biblischem Themeninhalt und die wenig vorkommenden, mehrfigurigen Darstellungen. Der Artikel erreicht analog den Werken der Künstlerin einen Höhepunkt mit den beiden Sätzen „ Große Kunstwerke entstehen aus Kunsterlebnissen. Ausschlaggebend aber bleibt die unverwechselbare eigene Erfindung durch eine Künstlerin, die hier ein Äußerstes erreicht hat."
Diese ausführliche Einführung in das Werk von Paula Modersohn-Becker wird von einem sich anschließenden tabellarisch Lebenslauf aufgenommen, um der wechselvollen Beziehung der Bereiche Arbeit und humanistisch, geistiger und sinnlicher Herkunft eine plastische Abrundung zu geben.
Eine Anzahl von Fotos (10) geben Einblick in unterschiedliche Lebensbereiche der Malerin.
In der Ausstellung selbst waren etwa vier Vitrinen zu finden, in denen außerdem Briefe von der Künstlerin, von Verwandten und von Freunden auslagen. Auch die Büste der Künstlerin, von Clara Rilke Westhoff gearbeitet, war in dem Zusammenhang wieder zu sehen.
Die Werke sind im Katalog folgendermaßen aufgenommen:
z.B. (Abb.8)
78 Mädchenkopf vor einem Fenster, um 1902
Schiefer, 39,3 x 49,5 cm
Kunsthalle Bremen
Inv. Nr. 971-1967/19
Für den Katalog dieser Ausstellung schienen somit folgende Informationen wichtig:
Laufende Nummer
Titel des Werkes
Entstehungszeit
Malgrund
Maße
Museum, Einrichtung mit
der dortigen Inventarnummer
FAZ 1. April 1997 - Feuilleton Die Tektonik der Gefühle
Rose – Marie Gropp
„ ... Die Begegnung mit den Werken der Paula Modersohn-Becker vermittelt immer neu durch alle Schattierungen und Phasen ihres Oeuvres hindurch die eigentümliche Erfahrung, daß sich der erste Eindruck des Déja-vu, der Ähnlichkeiten mit ihren großen Zeitgenossen – in der Spannung von Puvis de Chavannes bis zu Munch, von Gauguin bis zentral zu Cezanne, in Anklängen auch an den Deutschen Hans Thoma und selbstverständlich an die Worpsweder Künstler -, verflüchtigt hinter einer schwer faßbaren Anstrengung , die einem als ein immerfort Ringen um Farbe, Duktus und vor allem Form anmutet.
Dabei kommt sie in ihren Bildern aus den letzten Lebensjahren zu Formulierungen in großer Nähe auch zu dem fünf Jahr jüngeren Picasso, wenngleich nicht bekannt ist, daß sie mit dessen Schaffen bewußt in Berührung kam. In der Ausstellung belegen Paula Modersohn-Beckers Bildnisse des Ökonomen Werner Sombart und der Lee Hoetger die suchende Wahlverwandtschaft mit Picassos Findungen an der Schwelle zum Kubismus, als er zeitgleich in Paris sein Bildnis der Gertraude Stein malt.
Die Schau, die zum ersten Mal zusammenführt, was zwar in unmittelbarer Nachbarschaft, aber bisher stets getrennt zu sehen war und inzwischen schon von achtzigtausend Besuchern gesehen wurde, führt durch das eine Jahrzehnt, das dieser Frau für ihr Schaffen gewährt war, in Größe und Hängung so gestaltet und begünstigt durch die Räumlichkeiten, daß die Intimität nicht beschädigt wird, die diesen Bildern auf anrührende Art eignet. Sie klingt aus mit dem herbstlich schwerfarbigen , an van Gogh gemahnenden „Stilleben mit Sonnenblumen, Stockrosen und Georginen", das, so hieß es, bei ihrem Tod am 20. November 1907 auf ihrer Staffelei stand. So wird es zum umflorten „Abschiedsbild" (Günter Busch). Seine verhaltene Kraft bergt in sich, was Paula Modersohn-Becker nicht mehr vergönnt war zu schaffen."
Berliner Zeitung 9./10. November 1996 – Seelenforscherin am Beginn der Moderne – Astrid Volpert
„ ... Durch die Oberfläche hindurch will Paula Becker Strukturen transparent machen, in Landschaften wie in Figurenbildern und Porträts der Moorbewohner. Die Kohlezeichnung eines großen< Stehenden Kinderaktes mit eingezeichnetem Skelett> macht das sehr deutlich.
Solche streng-nüchternen Wirklichkeitsprotokolle lagen weder im Trend noch Geschmack der Zeit. Die erste Ausstellung in der Bremer Kunsthalle (mit der befreundeten Bildhauerin Clara Westhoff) – ein Verriß. ... Heute gilt das als höchstes Lob. ...
Daß Paula eine couragierte Seelenforscherin ist, zeigen späte Porträts, Selbstbildnisse und Akte. Oft maskenhaft ins Überindividuelle entrückt ... Auf Ludwig Roselius wirkte ihre Malerei erregend, berauschend und mächtig. Roselius, vermögend durch seine Erfindung des entkoffeinierten Kaffees, wurde nicht nur ihr erster Sammler, sondern ließ nach kühnen Plänen Hoetgers eben jenes Museum in der Bremer Altstadt bauen, das jetzt ein gutes Hundert dieser herben, mit verhaltener Farbenglut gemalten Bilder zeigt."
3. Zusammenfassung – Auswertung
Die vierte große Ausstellung nach dem II. Weltkrieg kam auf Grund äußerer Umstände zustande. Alle drei Sammlungen aus Bremen an einem Ort auszustellen, war eine Herausforderung und eine Besonderheit. Anscheinend war diese formale Motivation auch das Anliegen der Ausstellung.
Im Dankeswort des Kataloges ist aber auch noch zu lesen:
„Unser besonderer Dank gilt der hochverehrten Tochter der Künstlerin, Frau Tille Modersohn, für die mit dieser Ausstellung ein lang gehegter Wunsch Wirklichkeit wird. Seit der ersten Nachkriegsausstellung 1947 hat sie, zusammen mit der Kunsthalle und dem Graphischen Kabinett, sich stets dafür eingesetzt, daß das Werk ihrer Mutter die rechte Würdigung erfährt."
Der im Vordergrund stehende vermittelnde Charakter der Ausstellung von 1976 wird in der von 1997 zu Gunsten eines betont sinnlichen Charakters verschoben und erweitert.
Paula Modersohn-Beckers Kunst spricht vor allem die Sinne an.
Dieses Merkmal findet auch in der Überschrift einer Kritik seine Entsprechung „Tektonik der Gefühle". Eine Charakteristik, die damit direkt zu den Arbeiten von Paula Modersohn-Becker führt.
Bsp. Der Mädchenkopf vor einem Fenster (Abb.8)
„Der Mädchenkopf vor einem Fenster wagt demgegenüber in Blick und Haltung einen seltenen Ton seelischer Zuwendung, wie er sich kaum je in ihrem späteren Werk sonst findet. Ein auffälliger Aufwand an bildnerischen Elementen (Leuchter, Blumenvase, Jugendstilglas, Vorhang, Fensterkreuz, dazu draußen Baumstamm, Laubdach, Landschaftsgrund und Himmel mit den entsprechenden Farbwerten) fügt sich um das Schulterstück des Mädchens. Doch dominiert das sorgsam modellierte Antlitz mit seiner dichten Malerei die Vielfalt der locker gegebenen Zutaten. Das Bild ist auf eine Schiefertafel gemalt, deren mildes Grauschwarz an mehreren Stellen dämpfend durch die Farbschicht hindurchscheint. Dazu ist mehrfach mit dem Pinselstiel oder einem Griffel kritzelnd in die frische Farbe hineingeschrieben."
Der erwähnte Bezug zu den Museen, den Sammlungen und den Räumlichkeiten akzentuiert das Anliegen.
Auch klingt das Thema von Nähe und Distanz erneut an.
Nähe zwischen Publikum und Bildern, zwischen der Künstlerin und anderen Künstlern wie z.B. Picasso, zwischen den drei ausgestellten Sammlungen und zwischen dem Publikum und der Person Paula Modersohn-Becker.
Die Ausstellung hält Abstand zu neuen Medien, Nachbildungen und dem Multimediazeitalter.
Die Wirkung der Kunst durch die vielfältig schimmernden Farben und Formen konnte leicht und einfach von den Besuchern aufgenommen werden. Die Menschen sind heute durch die Erfahrungen der Geschichte in der Art des Sehens von Kunst, so wie sie Paula Modersohn-Becker formulierte geübt und können sich deshalb leichter und unbedenklicher auf sie einlassen.
Die Bildthemen Stilleben, Landschaften, Figuren und Figurengruppen wurden ausgewogen präsentiert.
Es klingt noch mal der Vergleich zu den französischen Zeitgenossen und den Worpswedern Künstlern an, der zum Ende des Jahrhunderts nun als „verflüchtigt" aufgegeben wird, um sich ganz auf das Wesen der Malerin und ihrer daraus wachsenden Kunst zu konzentrieren. Die tiefe Bedeutung hinter dem zunächst Sichtbaren, den Landschaften, den Menschen einschließlich ihrer Person zu ergründen und mit den Möglichkeiten der Malerei zu äußern, um Dialoge anzustoßen, hat sich als Sinn ihrer Kunst herausgestellt.
Unabhängig von der beschriebenen Ausstellung fällt auf, daß sich gerade in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre, kurz vor dem Jahrtausendwechsel, die großen Einzel - und Kollektivausstellungen, die das Werk von Paula Modersohn-Becker thematisieren, häufen (siehe Anhang). Es mag Zufall sein und doch fällt die Überschrift „Mit ihr begann ein Jahrhundert" ein. Sollte es auch mit ihr enden?
IX. Resümee
Aus dem beschriebenen Prozeß lassen sich allgemeine und spezielle Schlußfolgerungen zu Kunstausstellungen ziehen.
So hat jede Sonderausstellung ihre eigene Zeit und ist damit der Vergänglichkeit ausgeliefert. Diese zeitlichen Präsentationen von Kunst stellen einen Beitrag im Bereich der Kunst dar, welcher bildlich mit einem Durchgang in einem Gebäude verglichen werden kann. Das Gebäude symbolisiert die Kunst und bietet einen geordneten Rahmen in Form von Räumlichkeiten mit den jeweiligen Sonderausstellungen. Dadurch können die Begegnungen zwischen Kunstwerken und Publikum ganz konzentriert stattfinden, wobei klar wird, daß die Ausstellungen für die Menschen da sind.
Die zwei Aufgaben eines Museums, Präsentieren und Vermitteln, haben ihre Entsprechung im Fühlen und Verstehen des Publikums. Diese vier Gesichtspunkte lösen den möglichen Kommunikationsprozeß aus, welcher Vor- und Nachteile mit sich bringt. Im günstigsten Fall besteht die Möglichkeit, daß Sinn und Sinnlichkeit der Kunstwerke Verstand und Gefühl des Publikums ansprechen.
Der Nachteil ist, daß eher eine passive Kommunikation stattfindet. Die Betrachter sind dem Konzept „ausgeliefert", d.h. sie werden von der konzipierten Ausstellung bis zu einem gewissen Grad geführt. Die Gestaltung der Ausstellung schafft dafür wesentliche Voraussetzungen.
Im Idealfall können die Besucher durch die Anzahl der Arbeiten den Schaffungsprozeß der Künstlerin nachvollziehen, so daß die Ausstellung als Gesamtkunstwerk ein Erleben in Zeit und Raum werden kann.
Das wiederum kann so anregend wirken, daß die BesucherInnen selbst aktiv werden.
In allen Ausstellungen sind zwei grobe Besuchergruppen zu finden, der Museumsmensch und der Alltagsmensch. Diese unterscheiden sich vor „Ort" durch die Aufnahme und das Interesse an den ausgestellten Objekten.
Die in der Arbeit reflektierten Ausstellungen konnten im Wesentlichen über Kataloge und Rezensionen aufgearbeitet werden. Vor dem II. Weltkrieg sind es vor allem Rezensionen, in denen Kunstkritiker eine wertende Stellungnahme abgegeben haben, ihre persönliche Sichtweise, die öffentlich vertretbar war. Bis auf eine Ausnahme (Leserbrief) sind die beschriebenen Eindrücke von Ausstellungen über das Werk von Paula Modersohn-Becker von Fachleuten weitergegeben worden.
Das waren Museumsdirektoren, Kunsthistoriker, Schriftsteller und Künstler.
Nach dem II. Weltkrieg stellen Kataloge einen immer bedeutsameren Ausgangspunkt für die Aufarbeitung von Ausstellungen dar. Kataloge sind somit ein wichtiges Hilfsmittel zur Verdeutlichung des Anliegens einer Ausstellung und bieten wichtige Zusatzinformationen. Sie lassen die Ausstellung auch nach Jahren noch einmal aufleben. Zur Nachbearbeitung der in der Ausstellung gewonnenen Eindrücke sind Kataloge nicht mehr weg zu denken. Auch für den Künstler selbst, zu Lebzeiten im Besonderen, sind Kataloge von großer Bedeutung, stellen sie doch neben der Ausstellung ein wichtiges Medium der Publizität der jeweiligen Künstlerin dar.
Die Ausstellungsmacher haben dort ihr Anliegen deutlich gemacht. Die zur Aufarbeitung genutzten Kataloge stellen eine Wissens - und Erlebnissammlung dar, in denen die Beziehungen zwischen Paula Modersohn-Becker und ihren Arbeiten vom Museumsmenschen für den Alltagsmenschen dargelegt worden sind.
Die Angaben von Titel, Entstehungszeit, Material, Herkunft, Signatur sind so objektiv, daß sie die Zeiten überdauerten. Die Form der Angaben hat sich leicht verändert.
Förderer im Bezug zur musealen Rezeption waren unter vielen anderen anfangs Bernhard Hoetger, Gustav Pauli, Ludwig Roselius und nach dem II. Weltkrieg Günter Busch.
Ein wichtiger Aspekt, die Inszenierung, ist nur selten nachvollziehbar gewesen. Fotos von Sonderausstellungen fehlen fast immer. Dabei ist die Hängung in Ausstellungen ein ästhetischer Gestaltungsakt, der die Wirkung der jeweiligen Ausstellung wesentlich mitbestimmt. Die Rezeption einer Ausstellung bezieht sich immer auch auf die Anordnung sowie die Struktur des Raumes, da isolierte Exponate weniger interessant sind. Die unterschiedlichsten Beziehungen spielen eine Rolle, so auch die Vermittlung zwischen Atelier und Museum bzw. Ausstellungsinstitution.
Das Hängungsteam übernimmt eine Art Dramaturgie und Regie einer Ausstellung.
„Kunstvermittlung ist eine Gratwanderung zwischen Dienen und Deuten, zwischen Führen und entmündigen. Wie ein Theaterregisseur, der einem Stück durch seine Inszenierung Aussagen abringen kann, die nicht unbedingt die des Autors sein müssen, verändert der Ausstellungsregisseur Aussagefähigkeit und Stellenwert des Kunstwerkes durch die Art und Weise, wie er es präsentiert."
Konkret zur anfangs formulierten Fragestellung: In welchen Zusammenhängen kamen bestimmte Ausstellungen über die Kunst von Paula Modersohn-Becker zur Wirkung, wodurch bildeten diese Zusammenhänge die Schwerpunkte der jeweiligen Ausstellung oder prägten die Ausstellungen die Zusammenhänge?
Die reflektierten Ausstellungen besaßen alle das gleiche Thema: Das Werk von Paula Modersohn-Becker; und doch gab es Unterschiede. Die präsentierten und dokumentierten Bilder von Paula Modersohn-Becker wurden unter verschiedenen Blickwinkeln gezeigt.
Um die Jahrhundertwende wirkten die Arbeiten in ihren Präsentationen sicher als Provokation. Die gezeigten Arbeiten von Paula Modersohn-Becker waren im Vergleich zu anderen bis dahin öffentlich ausgestellten Kunstwerken etwas Neues, Unbekanntes und gleichzeitig Seltenes und Außerordentliches. Unverständnis und Überraschung waren die Reaktionen.
In dem Buch „Staunen als Leidenschaft des Sehens" von Felix Thürlemann wird der Zusammenhang zum Neuen mit Rene Descartes erklärt.
"Wenn die erste Begegnung mit einem Gegenstand uns überrascht, und wir finden, daß er etwas Neues oder von allem Bisherigen und von dem , was wir erwarten, Verschiedenes ist, so staunen wir und sind davon überrascht."
Es kommt auf jeden Einzelnen an, wie die Begegnung aussieht. Die wesentlichen Unterschiede sind dabei „bloßes Sehen des Sichtbaren" und „Staunen über das Sichtbare und Unsichtbare".
Synonyme für Staunen sind Aufsehen und dafür wiederum Skandal, Sensation. Die Kritik von Arthur Fitger über die ersten öffentliche Präsentation von zwei Arbeiten der Künstlerin liest sich wie ein Skandalauslöser. Diese Art der Reaktionen sind zum einen abhängig vom Stand des kunstgeschichtlichen Wissens und zum anderen auch von den jeweiligen Erwartungen an die Kunstwerke. Das sind Bedingtheiten die zur Folge hatten, daß die Arbeiten von Paula Modersohn-Becker mit besonderem Interesse und Neugier betrachtet, angesehen und bestaunt wurden; auch und gerade bei den folgenden öffentlichen Präsentationen.
Eine Wirkung und Folge des Staunens ist demnach die Suche nach neuem Wissen.
Descartes meint, Staunen ist die Voraussetzung für den Erwerb von Wissen überhaupt.
„....diejenigen, welche von Natur für diese Leidenschaft nicht empfänglich sind, (bleiben) für gewöhnlich recht unwissend. ... Es ist (...) gut, wenn man eine natürliche Anlage zu dieser Leidenschaft hat, da sie zur Erlernung der Wissenschaften treibt: ...
„Descartes zufolge führt das Staunen dazu, daß das Subjekt „mit Aufmerksamkeit die Gegenstände betrachtet", mit denen es unerwarteterweise konfrontiert wird. Diese Formel deutet an, daß der Kontakt mit dem „seltenen und außerordentlichen" Gegenstand sogleich zum Erwerb des Wissens führt. ... Der Gegenstand muß jedoch Eigenschaften besitzen, die seine schließliche Integration wünschenswert erscheinen lassen, damit die „Neugier", das /Wissen – Wollen/, über den ersten Kontakt hinaus Bestand hat."
Die musealen Präsentationen von Arbeiten der Paula Modersohn-Becker waren während der ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts von einer Leidenschaft geprägt, die sich im Verkauf der Arbeiten und dem Bau eines Museums für Paula Modersohn-Becker äußerte und damit gleichzeitig ihre Ausdehnung und ihren Höhepunkt fand.
Kunst und Kunstausstellungen sind oft Schauplatz politischer und ideologischer Kämpfe. Die Präsentationen und Nichtpräsentationen von Bildern der Paula Modersohn-Becker waren zu jeder Zeit, besonders kraß zur Zeit des Nationalsozialismus, durch das herrschende Machtsystems legitimiert.
„Die Kunst spielt eine dekorative Rolle als Symbol von Macht, als Ausweis des eigenen Prunks und der Freiheit von beengender Dürftigkeit. Die Kunst wird wegen ihrer Suggestivkraft benutzt. ... Kaum ein Politiker, der nicht Sinn für Kunst und Kultur vorgaukelt, um damit seine Popularität und seinen Einfluß zu steigern. ... Kunst und Kultur zählen zu den großen Mächten des Lebens. Diese Macht beeindruckt den Politiker. Das heißt nicht, daß er sie verstehen würde. ...
Ein Halb – oder Viertelverstehen reicht ihm schon aus, um sich unters Volk der Kunstsinnigen und Künstler zu mischen. Dabei kommen ihm die Künstlerinnen und Künstler auf halben Weg entgegen. Um in und mit ihrer Kunst wirksam zu werden, brauchen die Künstler mitunter mächtige Unterstützung. ... Die Sucht nach Ruhm und Ehre eint machtsüchtige Politiker und ruhmsüchtige Künstler, was dann zu fragwürdigen „Kunst"- Veranstaltungen führt, ... Verkommt die Politik zur sadomasochistischen Herrschaftsausübung, wird die Instrumentalisierung von Kunst seitens der Mächtigen noch deutlicher. Nationalsozialismus und Stalinismus sind grausige Beispiele
dafür, wie in herrischer Staatskunst regelmäßig alles Lebendig und Gefühlvolle echter Kunst verlorengeht."
Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden Werke von Paula Modersohn-Becker verboten und sind aus Museen entfernt worden. Nach dem Katalog „Entartete Kunst": Das Schicksal der Avangarde im Nazi – Deutschland sind auf der Ausstellung „Entartete Kunst" 1937 in München zwei Arbeiten von Paula Modersohn-Becker gezeigt worden, das Selbstbildnis mit Bernsteinkette ( Abb.5) und eine Skizze Weiblicher Akt mit Hut. Das Paul – Becker – Modersohn – Haus mit der Sammlung Roselius wurde geschlossen, die Bilder blieben allerdings hängen und konnten im Ausnahmefall auch noch besichtigt werden.
Die Motivation und die Lust, sich der Person Paula Modersohn-Beckers mit ihrer Malerei in Kunstausstellungen zu widmen, ist nach dem II. Weltkrieg ähnlich der Freude an Festen, die zu Ehren alter Bekannter gefeiert werden.
Im Laufe der Zeit hat sich das Anliegen der Ausstellungen so verändert, daß neben dem Sehen und Staunen gleichzeitig die Neugier und das Interesse über die Künstlerin (das war bei Paula Modersohn-Becker ja zu allererst durch die Briefe und Tagebücher möglich) zunahmen.
„Das Informationsbedürfnis des Publikums hat ständig zugenommen, seine Erlebnisfähigkeit aber ist gesunken. Der eigenen Intuition vertraut kaum noch jemand. Nur, was man versteht, glaubt man ablehnen oder befürworten zu dürfen, eine Überzeugung, welche die Vermittler nach Kräften unterstützen. Denn auch sie stehen unter Rechtfertigungsdruck."
Aus dieser Sicht könnte festgehalten werden, daß die Gedächtnisausstellung 1976 für die Gesamtausstellung 1997 nötig war.
Die Ausstellungen von Paula Modersohn-Becker erlangten im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmende Popularität. Heute können die Menschen im Idealfall die ausgestellten Werke einzeln, in Verknüpfung, konzeptionell, wissend und gefühlsmäßig verstehen.
Zum Ende des 20.Jahrhunderts geht es darum, die Menschen durch die Ausstrahlung der Arbeiten von Paula Modersohn-Becker in ihren Gefühlen anzusprechen. Assoziationen, Erinnerungen, Vergleiche können hervorgerufen werden, so daß darüber Gespräche möglich werden.
Die Motivationen für die Ausstellungen waren unterschiedlich und unterlagen im Laufe eines Jahrhunderts einer Veränderung von „Neues präsentieren, um Neugier zu wecken" über „dem Zeitgeist trotzen" bis hin zu „Ausstellungsfesten mit vermittelndem und sinnlichem Charakter".
Es hat sich neben dem Charakter der jeweiligen Ausstellung ein weiterer Aspekt verlagert. Waren es zu Beginn des Jahrhunderts die Arbeiten, später dann auch das Interesse an der Person Paula Modersohn-Becker, die zu Ausstellungen anregten, so motiviert die Ausstellungsmacher heute das Publikum.
Auf alle Fälle entspricht die aufgezeigte Entwicklung in der Ausstellungsmotivation der Kunst von Paula Modersohn-Becker. Sie spricht vor allem die Sinne an, durch Form und Farbe, aber auch durch Symbole und Allegorien. Die Kunst ist feminin und steht damit im kommenden Zeitgeist.
Abschließend ist festzuhalten, daß es zwei Betrachtungsebenen gibt, die für die Motivation der Aussteller wichtig waren: die Kunst von Paula Modersohn-Becker und das Publikum. Diese Betrachtungsebenen erhielten durch die beschriebenen Zeitstimmungen einen jeweiligen Akzent.
Alle Ausstellungen von Paula Modersohn-Becker haben außerdem kulturgeschichtlich - traditionelle Themen, die sich mit autobiographischen mischen, angesprochen. Stilleben und Landleben im Zeitalter der Industrialisierung, Menschen im Zeitalter der sich neu entwickelnden Psychologie.
Dabei wurden in den Ausstellungen der ersten Jahrzehnte Stilleben und Landschaften als Schwerpunkte gewählt. Später wurden in den Gedächtnisausstellungen keine thematischen Schwerpunkte gesetzt. Es ging darum, möglichst das Oeuvre von Paula Modersohn-Becker in einer Ausstellung als Gesamtkunstwerk zu präsentieren, um die Erkenntnis zu nutzen, daß „starke Sinneseindrücke einen hohen Gedächtniswert haben".
Anschließen könnten sich Bearbeitungen von Ausstellungen, in denen Arbeiten der Künstlerin mit denen von anderen zusammen ausgestellt wurden, z.B. die Ausstellungen von1928 in Berlin, in der Arbeiten von Paula Modersohn-Becker mit Künstlern der „Brücke" bzw. des „blauen Reitern" gezeigt wurden, oder 1997 die Ausstellung „Rilke und die bildende Kunst" und Ausstellungen mit dem Hauptakzent der feministischen Kunstgeschichte.
Die museale Rezeption des Werkes der Paula Modersohn-Becker steht zum Ende des Jahrhunderts, von Einzelausstellungen mit ihrem sinnlichen Anspruch über Ausstellungen mit konkretem dialogischen Interesse bis hin zu Ausstellungen, die Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland in anderen Ländern repräsentieren, vor ungeahnten Möglichkeiten. (s. Anhang)
Alle beschriebenen Ausstellungen waren und sind, unabhängig von allen bisherigen Überlegungen, immer ein großes Kompliment an die Künstlerin Paula Modersohn-Becker.